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Lesetipps

Colson Whitehead: Underground Railroad

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Ihr ganzes siebzehnjähriges Leben hat Cora auf der Plantage verbracht. Als Sklavin. Jeden Tag der Willkür von Schlägen, Auspeitschungen und Vergewaltigungen ausgesetzt. Doch eines Nachts hält sie es nicht mehr aus und wagt die Flucht. Erst durch Sumpf und Wälder und dann, wie durch ein Wunder, mit einer unterirdischen Eisenbahn.

Klar ist dieses unterirdische Schienennetz natürlich eine Erfindung. Dennoch aber hat es sie wirklich gegeben, die "Underground Railroad". Es ist der Name eines geheimen Netzwerks, das Sklaven aus den Südstaaten in den freien Norden und bis nach Kanada schleuste und sich dabei der Codewörter aus der Welt der Eisenbahn bediente. Sichere Unterkünfte waren Stationen, Menschen, die entflohene Sklaven unterstützten, wurden Schaffner genannt.

So schickt Whitehead seine Heldin Cora auf eine Reise durch das ganze Land. Es ist ein zerrissenes Land kurz vor dem Bürgerkrieg, in dem die Frage, wie man mit Sklaven umgehen soll, ganz unterschiedlich behandelt wird. So kommt Cora durch South Carolina, wo Schwarze auf den ersten Blick als freie Bürger leben können, von den Weißen jedoch für grausame medizinische Experimente missbraucht werden. Nach Indiana, wo sie auf einer Farm zeitweise Ruhe findet. Nach North Carolina, wo die Bewohner beschlossen haben, aus Angst vor der zahlenmäßigen Übermacht der ehemaligen Sklaven alle Schwarzen zu töten.

Viele Protagonisten sterben grausam, was der Autor ungeschönt schildert und manchmal schwer zu ertragen ist. Doch die Geschichte der Sklaverei in den USA ist eine düstere, grausame Geschichte. Umso wichtiger ist es, dass sie erzählt wird. Denn auch wenn die Sklaverei in den USA abgeschafft wurde: Der Rassismus - das zeigen die traurigen Ereignisse in Ferguson oder Charlottesville - ist in weitenTeilen des Landes immer noch gegenwärtig.

Colson Whitehead: Underground Railroad
Hanser 2017, Geb., 352 Seiten
24,00 €
978-3-446-25655-2
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Ruth Wodak: Politik mit der Angst

Zur Wirkung rechtspopulistischer Diskurse

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Und immer wieder tappen wir in dieselbe Falle:
Provozieren, attackieren, leugnen: Die Linguistin Ruth Wodak seziert das „Perpetuum mobile“ des Rechtspopulismus.
Es beginnt mit einer rechten Provokation, meistens rassistisch oder Antisemitisch oder mindestens herabwürdigend. Und dann beginnt üblicherweise "das rechtspopulistische Perpetuum mobile": Der Provokateur leugnet jegliche diskriminierende Absicht. Dabei sendet er aber doppelte Botschaften, die verschiedene Gruppen ansprechen. Er geht in die Opferrolle, pocht auf die Meinungsfreiheit, attackiert Gegner und bezichtigt sie der Verschwörung: Ja, darf man denn keine Missstände mehr ansprechen in diesem Land? Vielleicht entschuldigt er sich, aber nur halb (für Missverständnisse der anderen). Und so schafft der Urheber es, dass Medien und politische Konkurrenten wochenlang nur hinterherkeuchen und auf die einseitig gesetzte Agenda reagieren.

Ruth Wodak, Distinguished Professor for Discourse Studies an der Lancaster University (Großbritannien), analysiert in ihrem Buch rechtspopulistische Diskurse und wie diese schleichend im Zentrum der Gesellschaft angekommen sind; im Mittelpunkt steht für sie immer das Schüren von Angst.

Eine Reihe von Themen und Positionen haben die Rechtspopulisten West- und Osteuropas, aber auch der USA gemeinsam: Sie alle setzen die Nation gleich mit einem homogenen Volkskörper, der von innen (zum Beispiel von Minderheiten) und außen (von „Eindringlingen“) attackiert wird und daher von, meistens, einem starken Mann beschützt werden muss.
In der Folge lassen sich Grundrechte leichter aushebeln und ausgrenzende Maßnahmen eher durchsetzen, geht es doch um angeblich notwendige Sicherheitsvorkehrungen. Wesentlich ist die Unterscheidung in „wir“ und „sie“....

Aber wie sollen Politik und Medien es anstellen, um nicht in die Falle der Rechtspopulisten zu gehen? Was sollen sie der Angst entgegenhalten? Medien, so Wodak, sollten sich beispielsweise „weniger an skandalösen Vorfällen und der Performance rechtspopulistischer Politiker orientieren und mehr daran, sie zu demaskieren“.

Ruth Wodak: Politik mit der Angst
Edition Konturen, HC, 280 Seiten.
29,80 €
978-3-902968-10-4
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Max Annas: Illegal

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Der junge Ghanaer Kodjo schlägt sich in Berlin als „Illegaler“, also ohne Aufenthaltsgenehmigung, mit Gelegenheitsjobs durchs Leben. Illegal leben heißt, sich so unsichtbar machen wie möglich, heißt, jeden Kontakt mit der Polizei und anderen Ordnungsmächten vermeiden. Das geht solange einigermaßen gut, bis ein Kumpel von Kodjo die Nerven verliert und ohne Not vor einer Polizeistreife davonrennt.
Auch Kodjo flieht, und die Katastrophe beginnt. Er muss untertauchen, versteckt sich in einem Abbruchhaus und wird  Zeuge eines Mordes an einer Prostituierten im „Fenster zum Hof“ des gegenüberliegenden Hauses. Als Kodjo eingreifen will, kommt er dem Mörder in die Quere. Und der hat beste Kontakte zu einer Security-Firma, deren Methoden mehr als zweifelhaft sind. Zur Polizei kann Kodjo nicht und seine Verfolger kommen immer näher. Er muss um seine Leben rennen.
In Hochgeschwindigkeit jagt Max Annas uns mit Kodjo durch ein präzise beschriebenes  Berlin. Für denjenigen, der nicht wirklich Teil dieser Gesellschaft ist, wird die Stadt zu einem bedrohlichen Labyrinth. Die Hautfarbe von Kodjo stellt ihn unter Generalverdacht, das "Racial profiling" bestimmt jeden Augenblick seiner Realität, es markiert unerbittlich die Grenze zwischen "drinnen" und "draußen". Ausgrenzung ist unhintergehbar, auch in Berlin.


Max Annas: Illegal
Rowohlt 2017, HC, 240 Seiten
19,95 €
978-3-498-00101-8
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Julian Barnes: Lärm der Zeit

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28. Januar 1936: In der Prawda erscheint ein vernichtender Verriss der Oper "Lady Macbeth von Mzensk" von Dimitri Schostakowitsch.
War an allem nicht auch die Sitzordnung schuld? Die Regierungsloge lag direkt über den Blechbläsern, die aus Nervosität besonders laut spielten. Stalin war nicht amüsiert und verließ die Aufführung vor dem Ende.
"Vernichtend" hatte damals einen wörtlichen Sinn. Bis zu seinem Tod strich sich Schostakowitsch den 28. Januar im Kalender an. "Dieses raffinierte Spiel aber kann böse enden", hatte der Prawda- Artikel geschlossen. Seit dieser Ankündigung hing das Leben des Beschuldigten am Fädchen.
Julian Barnes erzählt in seinem neuen Roman detailreich das Leben Schostakowitschs, der seit diesem 28. Januar zu feige war, gegen die Macht zu opponieren. Doch was ist Feigheit? Wer kann sich erlauben, darüber zu urteilen? Die Idealisten und westlichen Besserwisser, die sich die Künstler als hehre Kämpfer gegen die Macht wünschen (weil sie sicher sein können, dass es nicht ihr Blut ist, das das Pflaster beflecken wird)?  Barnes stellt die Frage nach der Feigheit und widerlegt sie in seinem Buch wider und wieder.
Obwohl man weiß, dass der Held überleben wird, zittert man dennoch mit, wenn sich der Fahrstuhl in Bewegung setzt und im fünften Stock hält, wo Schostakowitsch mit seiner Familie wohnt und jede Nacht im Anzug und mit gepacktem Koffer darauf wartet, dass man ihn holt.
Es sind ie Jahrzehnte des Dauerzitterns. Man konnte nicht die Wahrheit sagen und überleben. Es gab keine Möglichkeit, der moralischen Korruption zu entkommen.
Sich selbst konnte man opfern, Frau und Kind nicht.
Im März 1949 ruft ihn Stalin persönlich an und schickt ihn als Repräsentanten der Sowjetmusik zum Friedenskongress nach New York. Dort folgt Schostakowitsch der Parteilinie und distanziert sich von dem zeitgenössischen Komponisten, den er am meisten verehrt, Igor Strawinsky.
Es ist der Moment seines Lebens, den er sich nie verzeihen wird.
Stalin stirbt, die Zeit danach ist weniger gefährlich. Für Schostakowitsch wird es moralisch dadurch noch schlimmer.
Er wird hofiert, mit Preisen überhäuft, er bekommt Datscha und Chauffeur, tritt auf sanften Druck in die Partei ein - die zweitgrößte Sünde seines Lebens. Sogar seine Lady Macbeth wird wieder aufgeführt.
"Früher hatten sie ausgelotet, wie weit sein Mut reichte. Jetzt loteten sie aus, wie weit seine Feigheit reichte."
Das war die neue Lage unter Chruschtschow: Früher war Schostakowitschs Leben bedroht, jetzt sind es seine Privilegien. Aber loten sie wirklich Unterschiedliches aus und nicht zweimal dasselbe?

Ein Buch, dass nicht nur Schostakowitsch-Interessierte lesen sollten, steht es doch auch exemplarisch für die Unmöglichkeit, Kunst und Kultur in totalitären Regimen (ohne sich zu korrumpieren) zu schaffen.

Julian Barnes: Lärm der Zeit
Kiepenheuer & Witsch 2017, HC, 256 Seiten
20,00 €
978-3-462-04888-9
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Wolfgang Gehrcke, Christiane Reymann: Das Kapital

Ein Buch der Bücher nicht nur für Linke

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In Zeiten wie diesen wird ein Klassiker aktueller denn je.
Im November 2017 jährt sich die Herausgabe von Band 1 des Hauptwerks von Karl Marx »Das Kapital« zum 150. Male. Der Papyrossa Verlag hat aus diesem Anlass dieses nette Buch editiert: Für alle, die schon immer wissen wollten, wie der Kapitalismus funktioniert, bietet diese illustrierte Kritik der politischen Ökonomie – mit Cartoons und kurzen Textauszügen - eine anschauliche Einführung und einen Anreiz zum Lesen des Originals.
Urte Sperling und Georg Fülberth aus Marburg gehen zwei Geheimnissen des Mehrwerts und dem blinden Fleck in der Marxschen Arbeitswerttheorie nach.
Harald Werner setzt sich mit der digitalen Mutation des Kapitalismus auseinander und Christiane Reymann mit der Notwendigkeit, die Befreiungstheorie fortzuschreiben, indem die Ausbeutung und Kolonisierung von Frauen einbezogen wird.
Wolfgang Gehrcke wiederum steuert eine Auseinandersetzung »Wider die Marx-Töter«  (mit deren wechselnden Methoden und gleich bleibenden Absichten) bei.
Mit einem Vorwort von Sahra Wagenknecht.

Wolfgang Gehrcke, Christiane Reymann: Das Kapital
Papyrossa 2017, Kt., 75 Seiten, mit Illustrationen
10,00 €
978-3-89438-647-4
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Joakim Zander: Der Bruder

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Nach seinem ersten extrem spannenden Buch "Der Schwimmer" nun der neue Thriller von Joakim Zander.
Wo du herkommst, gibt es keine Zukunft. Wo Du hingehst, gibt es kein Zurück.
Yasmine Ajam ist ihrer Vergangenheit und der rauen Stockholmer Trabantenstadt Bergort entflohen, sie arbeitet unter prekären Bedingungen in New York. Eine alarmierende Nachricht lässt sie nach Jahren zurückkehren: Ihr jüngerer Bruder Fadi wird vermisst, angeblich ist er tot. Und in den Straßen der Vorstadt droht die Gewalt zu eskalieren – Autos brennen, Schlägertrupps sind unterwegs. Hat Fadis Verschwinden damit zu tun? Yasmine gibt die Hoffnung nicht auf, ihren Bruder lebend zu finden.
Klara Walldéen forscht in London für eine Menschenrechtsorganisation. Im Vorfeld einer internationalen Sicherheitskonferenz wird ihr Computer gestohlen, kurz darauf kommt ein Kollege zu Tode. Dass ihre Arbeit brisant ist, weiß Klara. Aber wer könnte bereit sein, dafür töten?
Zurück in Stockholm begegnen sich Yamine und Klara: Beide auf der Suche nach der Wahrheit und beide in großer Gefahr.

Joakim Zanders Thriller erinnern an Stieg Larssons Trilogie, sind dabei aber komplexer, schneller und realistischer.

Joakim Zander: Der Bruder
Rowohlt Verlag 2017, TB , 464 Seiten
9,99 €
978-3-499-26890-8
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Didier Eribon: Rückkehr nach Reims

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Didier Eribon, geboren 1953 in Reims, Foucault-Biograph, lehrt Soziologie an der Universität von Amiens und gilt als einer der wichtigsten Intellektuellen Frankreichs. In seinem aktuellen Buch "Rückkehr nach Reims" setzt er sich mit seiner eigenen Herkunft aus der Arbeiterschicht und mit seiner Homosexualität auseinander. Dabei liefert er eine profunde Analyse des sozialen und intellektuellen Lebens in Frankreich seit den fünfziger Jahren.
Als sein Vater stirbt, reist Didier Eribon zum ersten Mal nach Jahrzehnten in seine Heimatstadt. Gemeinsam mit seiner Mutter sieht er sich Fotos an – das ist die Ausgangskonstellation dieses Buchs, das autobiografisches Schreiben mit soziologischer Reflexion verknüpft. Eribon realisiert, wie sehr er unter der Homophobie seines Herkunftsmilieus litt und dass es der Habitus einer armen Arbeiterfamilie war, der es ihm schwer machte, in der Pariser Gesellschaft Fuß zu fassen. Darüber hinaus liefert er eine Analyse des sozialen und intellektuellen Lebens seit den fünfziger Jahren und fragt, warum ein Teil der Arbeiterschaft zum Front National übergelaufen ist.

Didier Eribon: Rückkehr nach Reims
Suhrkamp Verlag 2016, Br., 237 Seiten
18,00 €
978-3-518-07252-3
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Christian Baron: Proleten, Pöbel, Parasiten

Warum die Linken die Arbeiter verachten

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Warum gibt es in linken Gruppen so wenig Mitglieder ohne akademischen Hintergrund? Wieso gewinnt ausgerechnet die AfD die Stimmen der Arbeiter? Und wieso glauben Menschen, die Welt mittels veganer Ernährung verbessern zu können?
Die Unterschicht ist ungebildet und schuld an ihrer prekären ökonomischen Situation – so lautet ein verbreitetes Vorurteil. Christian Baron, selbst Arbeiterkind, erlebte, dass diese Meinung auch in der linken Bewegung existiert. Entlang seiner eigenen Biografie untersucht er die gesellschaftlichen Konsequenzen einer scheinbar fortschrittlichen Politik, die sich von ihrer ursprünglichen Klientel – der Arbeiterschaft – weit entfernt hat. Das Buch ist keine Abrechnung mit den Linken, sondern plädiert für ein Überdenken politischer Zielsetzungen und fordert vor allem eins: die Interessen und Nöte der Arbeiterinnen und Arbeiter dringlicher in aktuelle Debatten und Kämpfe einzuschreiben.
Baron zeigt, wie rigoros separiert die sozialen Welten sind, in denen sich die akademische Linke auf der einen, Arbeiter und Unterschicht auf der anderen Seite bewegen. Und er spielt die soziale Frage nicht gegen Political Correctness und Minoritätenpolitik aus, wie es zur Zeit häufig passiert.

Christian Baron: Proleten, Pöbel, Parasiten
Verlag Das neue Berlin 2016, Br. , 288 Seiten
12,99 €
978-3-360-01311-8
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Slavoj Zizek: Absoluter Gegenstoß

Versuch einer Neubegründung des dialektischen Materialismus

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Der slowenische Philosoph und Kulturkritiker Slavoj Žižek schließt mit seinem neuen Buch ›Absoluter Gegenstoß. Versuch einer Neubegründung des dialektischen Materialismus‹ an seine Hegel-Neudeutung ›Weniger als Nichts‹ aus dem Jahr 2014 an. Ausgehend von Hegel versucht er eine Neubestimmung des philosophischen Materialismus.
Neu an Žižeks Version des dialektischen Materialismus ist vor allem die Integration der Psychoanalyse, geprägt von den Begriffen des französischen Psychoanalytikers Jacques Lacan. Der zweite entscheidende Einfluss ist, wie gesagt, der deutsche Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel, aus dessen Werk auch der Ausdruck "absoluter Gegenstoß" stammt. Gemeint ist damit ein paradoxer Prozess, in dem ein Wesen sich von sich selbst abstößt, sich verliert und dadurch erst Identität gewinnt. Das Wesen richtet sich dabei nur gegen sich selbst; es kommt nichts von außen dazu, der dialektische Prozess der Abstoßung und Identitätsbildung verläuft intern.
Bei aller scheinbarer Trockenheit der Materie, ist Zizek immer auch ein guter Unterhalter. Allein sein absurder Witz bei seiner Deutung des Kinder-Überraschungseis mit Lacan und Platon etwa ist einfach komisch.

Slavoj Zizek: Absoluter Gegenstoß
S. Fischer Verlag 2016, HC , 653 Seiten
28,00 €
978-3-10-002396-4
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