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Lesetipps

Serhij Zhadan: Internat

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Als der Roman 2017 im Original, 2018 dann auf Deutsch erschien, erzählte er eine Geschichte über den im Westen fast vergessenen Krieg im Donbass.
Und heute im Frühjahr 2022 ist er leider aktueller denn je.

Drei Tage in einer Stadt im Donbass während des Krieges. Pascha, Lehrer und alles andere als ein Held, wird von seinem alten Vater dazu gebracht, seinen Neffen aus dem Internat am anderen Ende der Stadt zu holen. Da ist es nicht mehr sicher, die Frontlinie rückt näher, doch eigentlich ist nichts mehr sicher in der Stadt.
So beginnt eine Odyssee durch die ehemals vertraute, jetzt zerstörte Stadt. Für den Hinweg zum Internat braucht Pascha fast den ganzen Tag, der Rückweg wird zu einer enormen Prüfung. Die beiden geraten in die unmittelbare Nähe von Kämpfen, im dichten Nebel zucken Mündungsfeuer um sie herum, Minen explodieren, Paramilitärs marodieren zwischen den Trümmern. Die einst vertraute Stadt verwandelt sich in ein apokalyptisches Szenarium und für Pascha wird am Ende nichts mehr so sein wie zuvor.

Serhij Zhadan erzählt in einducksvollen Bildern von Krieg und Zerstörung in der eigenen Stadt. Aber auch von unbeirrbaren Menschen, die der Angst und Zerstörung ihre Selbstbehauptung entgegensetzen.

Serhij Zhadan wurde 1974 im Gebiet Luhansk/Ostukraine geboren und studierte Germanistik, promovierte dann und gehörte seit 1991 zu den prägenden Figuren der "jungen Szene" in Charkiw.

Serhij Zhadan: Internat
Suhrkamp 2018, HC, 301 Seiten
22,00 €
978-3-518-42805-4
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Karl Schlögel: Entscheidung in Kiew

Ukrainische Lektionen

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Karl Schlögels erstmals 2015 erschienes Buch „Entscheidung in Kiew“ ist heute leider das Buch der Stunde.
Es beginnt so: „Wir wissen nicht, wie der Kampf in der Ukraine ausgehen wird; ob sie sich gegen die russische Aggression behaupten oder ob sie in die Knie gehen wird; ob die Europäer, der Westen, sie verteidigen oder sie preisgeben wird, ob die Europäische Union zusammenhalten oder auseinanderfallen wird.“ Wie wahr. Und vor sieben Jahren geschrieben.
Außenministerin Annalena Baerbock erklärte am Tag des Einmarsches russischer Truppen in die Ukraine: „Wir sind heute in einer anderen Welt aufgewacht.“ Das ist richtig. Wir hatten lange geschlafen. Und wir sahen zu, wie  Putin sich anschickte, die Geschichte zu revidieren und Stück für Stück mehr Sowjetunion zurückholte.
Er handelte nicht im Verborgenen, immer wieder erklärte er, dass er genau das vorhabe. Der Westen aber reagierte nicht, so folgten Putins Taten: Krim, Donbass und jetzt der Überfall auf die gesamte Ukraine.
Schlögel beschreibt bereits 2015 die Chronik dieses angekündigten Todes. Er ist erschüttert über die Taten Putins., verzweifelt über die Tatenlosigkeit des Westens. Der hätte sich schon früher, spätestens 2014, für dier Ukraine und gegen Russland stellen müssen.
Um uns herum sind nicht nur Freunde, das ist eine Illusion, die Abhängigkeit von russischen Rohstoffen ist ein historischer Fehler und Konflikte lassen sich letztlich nicht immer im Dialog lösen - schon gar nicht mit Putin. Dessen Verachtung gegenüber dem Westen ist weiter gewachsen. Seine Vorstellung, er könne ungestraft mit Gewalt die Geschichte ändern, wurde vom Westen durch Tatenlosigkeit befördert.

Und dann gibt es noch diesen deutschen "Russland-Komplex". Wir beziehen die Verbrechen der Deutschen in der Sowjetunion im zweiten Weltkrieg, vereinfacht gesagt, ausschließlich auf die "Russen". Als gäbe es nicht Millionen von ukrainischen Soldaten und ukrainischen Ostarbeitern, nicht die Shoah auf ukrainischem Territorium. Wir haben auch ukrainische Juden umgebracht, auch Vorfahren von Wolodymyr Selenskyj. Dieser "Russland-Komplex" trägt zur Vereinfachung der Welt bei, ließ uns in der Ukraine nicht wirklich einen eigenen Staat, eine eigene Gesellschaft mit eigenem Willen sehen. Das ähnelt am Ende doch sehr der Weltsicht von Putin.

„Entscheidung in Kiew“ hätte uns 2015 lehren können, unsere eigenen Augen zu gebrauchen. Wir hätten uns und vor allem anderen viel erspart.

Karl Schlögel: Entscheidung in Kiew
S. Fischer, Taschenbuch (2017), 303 Seiten
15,00 €
978-3-596-29643-9
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Frantz Fanon: Für eine Afrikanische Revolution

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Es gibt ihn wieder, den legendären März Verlag. Nach einer sehr turbulenten Verlagsgeschichte und vielen Jahren haben sich u.a. ehemalige Mitarbeiter*innen entschlossen, den Verlag wieder auferstehen zu lassen.
Und das mit der Veröffentlichung eines Buches, das erstmals 1972 im März Verlag erschienen war: Frantz Fanon, Für eine Afrikanische Revolution:

Diese Sammlung enthält 28 der politischen Aufsätze Frantz Fanons. Sie stammen aus seiner aktivsten Periode und reichen von der Erstveröffentlichung von »Schwarze Haut, weiße Masken« im Jahr 1952 bis zu »Die Verdammten dieser Erde« im Jahr 1961. Seiner Diagnose nach gibt es am Rassismus nichts Zufälliges. Vielmehr fügt er »sich in ein charakteristisches Ganzes ein, das der Ausbeutung einer Gruppe Menschen durch eine andere« impliziert. Für Fanon konnte es daher nur eine einzige Lösung geben: »Das logische Ende dieses Kampfwillens ist die totale Befreiung des nationalen Territoriums« und »der Kampf ist von Anfang an total«. Die hier versammelten Aufsätze erlauben einen umfassenden Einblick in das Leben und Denken eines der spannendsten und produktivsten Denker des 20. Jahrhunderts.

Frantz Fanon: Für eine Afrikanische Revolution
März 2022, HC, 260 Seiten
22,00 €
9783755000068
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Ronald E. Purser: Wie Achtsamkeit die neue Spiritualität des Kapitalismus wurde

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Alle reden über „Achtsamkeit“, für viele gehört sie schon längst zum Mainstream und so mancher bezeichnet sie sogar als Revolution.
Und was, wenn Achtsamkeit gar nicht die Welt verändert, schon gar nicht verbessert?
Für Ronald Purser ist klar: Achtsamkeit ist zu einer banalen Form von Spiritualität im Kapitalismus geworden - einer, die aktiv sozialen und politischen Wandel verhindert und stattdessen dem Neoliberalismus den Weg ebnet.
Er beleuchtet, wie Konzerne, Schulen, Regierungen und Militär sich „Achtsamkeit“ als Mittel für soziale Kontrolle und Ruhigstellung angeeignet haben und hinterfragt das gängige Narrativ, nach dem Stress vor allem selbstgeschaffen und eigenständig lösbar sei mit „Achtsamkeit“ als Allheilmittel.
Purser rüttelt er an den Grundfesten, auf denen die Vermarktung dieser sogenannten Revolution basiert. Denn um das wirkliche Potenzial von Achtsamkeit zu entdecken, müssten wir den Neoliberalismus erst überwinden.

Ronald E. Purser: Wie Achtsamkeit die neue Spiritualität des Kapitalismus wurde
Mabuse Verlag 2022, Kt., 235 Seiten
29,00 €
978-3-86321-614-6
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Antonia Bontscheva: Die Schönheit von Baltschik ist keine heitere

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"Von den Interessanten soll man die Finger lassen, man soll einen heiraten, der gut kochen kann." Wie alle Frauen der Familie Atanassov teilt Oma Denka ihre Lebensweisheiten ebenso gerne, wie ihre Enkelin sie in den Wind schlägt. Sie hat Bulgarien kurz vor der Wende verlassen und lebt nun mit Mann und Tochter in einem Mietshaus in Bremen. Sie fühlt sich fremd und unverstanden, auch in ihrer Ehe. Als ihr Vater stirbt, reist sie in ihre Heimatstadt am Schwarzen Meer. Dort trifft sie mit ihrer Großmutter, Mutter und Schwiegermutter auf dominante Frauen, die seit jeher die Fäden in der Hand halten, und forscht erstmals den blinden Flecken nach, die weit in die kommunistische Vergangenheit zurückreichen. Sie versteht, wie sehr sie eingewebt ist in dieses bunt gewirkte Familiengeflecht und erkennt, welche Verbindungen Halt geben – und welche Fäden es zu lösen gilt. Sie erfährt von acht mütterlichen Abtreibungen und lernt die Mutter noch mal ganz anders kennen: als aktive Geschlechtsgenossin während des bulgarisch-sozialistischen Verhütungsmittelmangels.

Antonia Bontscheva erzählt von dieser umklammenernden weiblich-familiären Wärme und von einer ebenso harten wie unbedingten Liebe, von starken Frauen, von individuellen Schicksalen im kommunistischen Bulgarien und der Wendezeit, von Migration und Selbstbehauptung. Die leidenschaftliche, sinnliche Sprache, die Wärme und der Humor sowie der menschenzugewandte Blick der Autorin bringen diesen fesselnden Roman zum Strahlen.

Antonia Bontscheva, geboren in Varna, Bulgarien, lebt mit ihrer Familie in Bremen. Sie studierte Germanistik in Berlin, arbeitete als Deutschlehrerin und Journalistin. "Die Schönheit von Baltschik ist keine heitere" ist ihr Romandebüt.

Antonia Bontscheva: Die Schönheit von Baltschik ist keine heitere
Frankfurter Verlagsanstalt 2021, HC, 416 Seiten
24,00 €
978-3-627-00290-9
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Emanuele Coccia: Metamorphosen

Das Leben hat viele Formen. Eine Philosophie der Verwandlung.

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 Emanuele Coccia hat ein bemerkenswertes Talent, Dinge, die eigentlich völlig selbstverständlich und nicht von der Hand zu weisen sind, aber trotzdem im Alltagsbewußtsein verdrängt werden, ans Licht zu zerren und den Leser damit zu verblüffen.
Wie bereits in "Die Wurzeln der Welt" stellt er auch in "Metamorphosen" unser Selbstverständnis als Menschen und unsere Begriffe von Welt und Umwelt, Selbst und Gegenüber, Geburt und Tod erfolgreich auf den Kopf, und das ist für das philosophische Denken ungemein bereichernd.
Obwohl er alle vermeintlichen Eindeutigkeiten beseitigt, ist seine Weltsicht dabei erstaunlich entspannend, wenn man sich ernsthaft darauf einlässt. Zudem ist seine klare und dabei manchmal fast schon mythische Ausdrucksweise ein Genuß beim Lesen.
„Warum, fragt Coccia, ist es ausgerechnet für moderne Menschen eine so erniedrigende Erfahrung, Nahrung zu sein, wo doch für alle ökologisch fleischgewordenen Wesen gelte, dass sie als Nahrung für andere Lebewesen existieren?"  (Cord Riechelmann, FAS, 13.03.21)

Emanuele Coccia: Metamorphosen
Hanser 2021, HC, 208 Seiten
23,00 €
978-3-446-26927-9
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Merle Kröger: Die Experten

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Eine vielschichtige Geschichte um einen deutschen Wissenschaftler, der in Ägypten Jagdflugzeuge baut, und über dessen Familie, die im Ägypten der 60er Jahre zwischen die Fronten der Nachkriegszeit gerät.
Eine zentrale Figur des Romans aber ist die Tochter des Ingenieurs, Rita Hellberg. 1961 fliegt sie siebzehnjährig in Hamburg von der Schule und landet ohne Schulabschluss bei ihrer Familie in Kairo.

Ihr Vater hat schon unter Hitler Jagdbomber bei Heinkel in Rostock gebaut. Nach dem Krieg findet er keine adäquate Stelle in Westdeutschland und folgt einem Ruf nach Kairo. Dort entwickelt er für den ägyptischen Führer Gamal Abdel Nasser Jagdflugzeuge. Als harmloser, wertneutraler Ingenieur - so sieht er sich - konstruiert er zusammen mit Hunderten anderer Deutscher, den „Experten“, Flug- und Raketentechnik, die Ägytens Vormachtstellung Nahen Osten ermöglichen sollen und letzlich auch gegen Israel eingesetzt werden könnten.
Tochter Rita wird Sekretärin bei den Ingenieuren, kümmert sich um die zwanghafte Mutter und ihre kleine Schwester. Fern ab vom spießigen deutschen Wirtschaftswunderland wächst sie hinein in die offenere und fröhlich priveligierte Welt der "Experten" in Kairo und verliebt sich in einen jungen ägyptischen Ingenieur.

Dann ist da noch der KZ-Arzt Eisele, der die psychotische Mutter homöopathisch behandelt. Und auf Schritt und Tritt beobachten Geheimdienstler (verschiedener Dienste) Rita und die "Experten". Als es zu mehreren Paketbomenattentaten kommt (die erste zerstört das Gesicht von Ritas Kollegin) erkennt Rita nach und nach, dass sie selbst nur ein ganz kleines Rädchen in einem großen Komplex ist.

Merle Kröger hat einen dokumentarischen, biografischen Thriller geschrieben, der uns die politischen Verwicklungen und Doppelmoralen der Nachkriegszeit klar vor Augen führt.

Merle Kröger: Die Experten
Suhrkamp 2021, HC, 688 Seiten
20,00 €
978-3-518-46997-2
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Stefano Mancuso: Die Pflanzen und ihre Rechte

Eine Charta zur Erhaltung unserer Natur

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Ohne Pflanzen gäbe es weder Tiere noch Menschen auf der Erde. Durch die Fotosynthese produzieren sie Sauerstoff und schaffen so die Grundlange für alle anderen Formen des Lebens. Dennoch gelten Pflanzen juristisch als Sachen ohne eigene Rechte.
Also hat Stefano Mancuso - einer der bekanntesten Botaniker Europas -  eine Art Pflanzenrechts-Charta verfasst. Sie listet nicht, wie der Untertitel vermuten ließe, einfach nur Pflichten der Menschen gegenüber der Pflanzenwelt auf, sondern die Pflanzen selbst treten darin auf als eine „Nation“ und erklären zunächst, welche Rechte sie allen anderen Lebewesen garantieren, und darauf aufbauend, welche Rechte sie für sich einfordern.
Anschließend an jeden Artikel der Charta folgen biologische und historische Begründungen. Durch diesen Kunstgriff gelingt ihm ein interessanter Perspektivwechsel im Nachdenken über unsere aktuellen ökologischen Probleme.
Lesenswert und diskussionsanregend!

Stefano Mancuso: Die Pflanzen und ihre Rechte
Klett-Cotta 2021, HC, 160 Seiten
18,00 €
978-3-608-98322-7
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Richard Wagamese: Der gefrorene Himmel

Roman

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Im Rückblick erzählte Lebensgeschichte eines Ojibwe-Jungen im Kanada des 20. Jahrhunderts, der nach dem Tod seiner Großmutter in eine Residential School* gesteckt wird und dort sein außergewöhnliches Talent zum Eishockey entdeckt. In der brutalen Lebenswelt der Residential School wird Eishockey zu seinem einzigen Lebenselixir und Bahnt ihm schließlich seinen Weg aus der Schule.

Packend und feinfühlig in der Figur des jungen Protagonisten und erstaunlicherweise selbst in den Passagen, die sich ausschließlich uns Eishockeyspiel drehen, kein bisschen langweilig auch für die Leser*innen, denen das Spiel selbst nichts bedeutet. Völlig ungeschönt in den alptraumhaften Szenen aus dem Schulalltag der Kinder.

*Residential Schools: Kanadische Internate (von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis 1996) ausschließlich für Kindern kanadischer Ureinwohner*innen (der First Nations, Inuit und Métis). Diese Schulen sollten die Kinder von den Eltern und zugleich von ihrem kulturellen Einfluss fernhalten und entfremdem.

Richard Wagamese: Der gefrorene Himmel
Blessing 2021, HC, 256 Seiten
22,00 €
978-3-89667-667-2
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Eva von Redecker: Revolution für das Leben

Philosophie der neuen Protestformen

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In „Revolution für das Leben“ entwirft die Philosophin Eva von Redecker die Vision einer zukünftigen Gesellschaft. Sie wünscht sich eine Gemeinschaft der Teilenden statt einer Gesellschaft, in der sich die Individuen durch Herrschaft und Eigentum definieren.
In Zeiten der Krise entzündet sich politisches Engagement. Protestbewegungen wie Black Lives Matter, Fridays for Future und NiUnaMenos kämpfen weltweit gegen Rassismus, Klimakatastrophe und Gewalt gegen Frauen.
So unterschiedlich sie scheinen mögen, verfolgen diese Widerstandskräfte doch ein gemeinsames Ziel: die Rettung von Leben.
Im Kern richtet sich ihr Kampf gegen den Kapitalismus, der unsere Lebensgrundlagen zerstört, indem er im Namen von Profit und Eigentum lebendige Natur in toten Stoff verwandelt: Der Kapitalismus verwertet uns und unseren Planeten rücksichtslos. In autoritären Tendenzen und rassistischen Ausschreitungen, in massiven Klimaveränderungen und einer globalen Pandemie zeigt er seine verheerendsten Seiten.
Klimawandel, die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, patriarchale Familienstrukturen, rassistische Unterdrückung und kapitalistische Herrschaft: Eva von Redecker fasst das alles theoretisch konsistent zusammen.
Es lohnt sich, ihrem Weg von Marx über Hannah Arendt, Adorno, Lukács, Foucault und ein paar weiteren Theoretiker*innen zu folgen, bis dahin, wo sich schließlich soziale Bewegungen wie Black Lives Matter oder Fridays for Future entfalten.

Eva von Redecker: Revolution für das Leben
S.Fischer 2020, HC, 320 Seiten
23,00 €
978-3-10-397048-7
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Johny Pitts: Afropäisch

Eine Reise durch das schwarze Europa

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In den Köpfen vieler weißer Europäer ist das noch immer ein Gegensatz: schwarz sein und Europäer sein. Dabei gibt es seit langem eine gelebte afropäische Kultur.
Um sie zu erkunden, bereist Johny Pitts die Metropolen des Kontinents. Mit Rucksack und Interrailticket macht er sich auf eine fünfmonatige Winterreise, die ihn nach Paris, Brüssel, Amsterdam, Berlin, Stockholm, Moskau, Marseille, die französische Riviera, Lissabon und Gibraltar führt.
Sein Ziel: die Alltagserfahrungen "normaler" Männer und Frauen jenseits der Klischees zu finden, von Arbeitern, Straßenhändlern, Fremdenführerinnen, Studierenden, Rausschmeißern, Aktivistinnen, Musikerinnen, Jugendarbeitern und anderen, oft in der zweiten oder dritten Generation in Europa. Und es wird überdeutlich, dass Europas multikulturelle Gegenwart nach wie vor von seiner kolonialen Vergangenheit gezeichnet ist, dass Rassismus, Demütigung, Marginalisierung, Ausbeutung und zugleich das Unsichtbarmachen deren Arbeitsleistung den Alltag bestimmen.
Johny Pitts gelingt es, Reportage und literarisches Essay zu einem zeitgenössischen Porträt eines Weltteils auf der Suche nach seiner postkolonialen Identität zu verknüpfen. Ein einfühlsames und aktuelles Buch, das den Blick auf Europa und auf das vermeintlich liberale Selbstbild weißer Europäer verändert.

Johny Pitts: Afropäisch
Suhrkamp 2020, HC, 461 Seiten.
26,00 €
978-3-518-42941-9
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Jean-Paul Dubois: Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise

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Warum sitzt ein unauffälliger Herr im baufälligen Gefängnis von Montréal?
August 2009. Paul Hansen, Sohn eines dänischen Priesters und einer französischen Kinobesitzerin sitzt im Gefängnis. Dort teilt er sich die Zelle mit einem Hells-Angel-Biker. Paul Hansen beginnt, über sein Leben nachzudenken; seine Kindheit in Toulouse, unter einem konservativen, frommen Vater und einer lebensfrohen linken Mutter, die einzig an die Freiheit der Künste glaubt.
Rund 20 Jahre lang arbeitete Hansen später als Gebäudemanager einer Wohnanlage in Montréal, wo der Roman 2009 auch spielt. Dubois erzählt Paul Hansens Geschichte und nimmt sich Zeit dabei. Immer wieder wechselt er zwischen Gefängnisalltag und Erinnerungen hin und her.

Aufbruch und Niedergang, Scheitern und Neugeginn ziehen sich durch den gesamten Roman.
Da ist Pauls eigenes Leben mit dem frühen Verlust der Großeltern, die bei einer Fahrt mit dem legendären Citroën DS verunfallen. Da sind die 60er-Jahre mit ihren gesellschaftliche Veränderungen, die an den Grundfesten von Pauls Familie rütteln. Da ist die Ehe der so ungleichen Eltern die schließlich 1975 zerbricht, und der Vater der in Kanada neu anfängt.
Paul folgt seinem Vater nach Monteral und tritt jene Stelle als Hausmanager an, die ihm, ohne zu viel zu verraten, schließlich zum Verhängnis werden wird. Dort lernt er auch die Frau seines Lebens kennen, die allerdings elf Jahre später tragisch verunglückt.
Gleichzeitig beschreibt Dubois in seinem Buch ein länderübergreifendes Porträt mehrerer Jahrzehnte: Da ist 1968. Da sind die 80er in Kanada und der Raubbau an der Natur und schließlich und der Berginn eines neuen Jahrtausends.

Wenn es eine Bilanz gibt, die der Roman zieht, dann die, dass am Ende Soll und Haben als gleichgewichtige Teile eines jeden Lebens erscheinen.

Jean-Paul Dubois: Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise
DTV 2020, HC, 251 Seiten
22,00 €
978-3-423-28240-6
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Marco Balzano: Ich bleibe hier

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Heute kennen ihn viele, den alten Kirchturm von Graun, der an der vielbefahrenen Reschenpassstraße halb aus dem Reschensee ragt. Früher, bevor der See geflutet und der Pass ausgebaut wurde, war Graun aber ein eher beschauliches Dorf. Aber so abgelegen kann kein Dorf, so schlicht kein Leben sein, dass es ihm gelingt, sich unter der Geschichte wegzuducken.
Balzano erzählt die Geschichte der Zwangsitalienisierung Südtirols unter Mussolini, die Zeit der sogenannten Option vor dem zweiten Weltkrieg, die Zeit der Nationalsozialisten in Südtirol und schließlich über die Nachkrigszeit bis 1953.
Im Mittelpunkt steht Trina aus Graun, die gerade ihr Diplom als Deutschlehrerin gemacht hat, die erste Studierte in der Familie. Der Vater ist Zimmermann und ein wenig Vieh haben sie auch. Balzano erzählt aus Trinas Perspektive, mit einfachen Worten und Sätzen, in Form einer Art Berichts an ihre Tochter.
Trina arbeitet unter Gefahr der Verbannung in einer der Katakombenschulen, in Kellern und Scheunen wird das verbotene Deutsch unterrichtet. Sie heiratet Erich, bekommt zwei Kinder, doch das Glück hat keinen Platz in ihrem Leben.
1939 unterzeichneten Hitler und Mussolini den Vertrag, der die "Option" enthielt: Die deutschsprachigen Südtiroler sollten „heim ins Reich“ kommen können.
Die Dörfer, sogar Familien, spalten sich in die, die gehen, und die Dableiber, die schräg angeguckt und sogar schikaniert werden, auch das Dorf Graun. Trina bleibt da.
Unheilvoll geht es weiter. Mussolini fängt an, bei Graun einen Staudamm zu bauen, die Menschen fürchten, ihr Dorf müsse weichen. Die Nazis kommen nach Südtirol, Erich wird Soldat, der Krieg bringt die Reschensee-Arbeiten zum erliegen, die Grauner schöpfen Hoffnung.
Aber nach dem Krieg gehen die Arbeiten weiter, die neue demokratische Regierung forciert den Bau zur Desillusionierung der Dorfbewohner. Erich leistet Widerstand, andere schließen sich ihm an. Wieder heißt es: „Ich bleibe hier.“
Wie die Geschichte ausgeht, wissen wir: Sie planen den Wasserpegel höher als das Dorf.

Balzano hat einen Roman geschrieben über den Verlust des Ortes, an dem die Erinnerung an das eigene Leben zu Hause ist. Den Ort, den manche "Heimat" nennen.

Marco Balzano: Ich bleibe hier
Diogenes 2020, HC, 288 Seiten
22,00 €
978-3-257-07121-4
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Adeline Dieudonné: Das wirkliche Leben

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Eine graue durchschnittliche Reihenhaussiedlung am Rand des Galgenwäldchens, irgendwo in Frankreich oder Belgien. Im hellsten der Häuser, einem Eckhaus, wohnt ein zehnjähriges Mädchen mit seiner Familie. Alles Durschnitt, alles normal? Wären da nicht ihr imposanter Vater mit dem Hang zu Gewalt, der Fernsehen und Whisky und vor allem die Jagd liebt sowie sein monströses Jagdzimmer. Nicht aber seine Frau, die "Amöbe", und seine Kinder, im Gegenteil. Wir begleiten diese Familie, erzählt von der namenlosen Tochter, durch fünf Sommer hindurch, und in jedem dieser Sommer kommt sie dem Abrund näher.
Anfangs erhellt nur das Lachen ihres kleinen Bruders Gilles das Leben des Mädchens, bis eines Abends vor ihren Augen eine Tragödie passiert. Nichts ist mehr wie zuvor. Mit viel Energie, Intelligenz und Mut beginnt das Mädchen für ihren Bruder zu kämpfen, ihn vor dem väterlichen Einfluss zu retten. Von Sommer zu Sommer spürt sie aber auch immer deutlicher, dass sie selbst die Zukunft in sich trägt und wird immer selbstbewusster – ihr Körper aber auch immer weiblicher, sodass sie zusehends ins Visier ihres brutalen Vaters gerät.

Von den vielen Coming of Age Romanen ist dieser einer der blutigsten und gewalttätigsten, aber auch ungemein spannend bis zum Schluss.

"Die Stille, die auf die Lektüre von Dieudonnés Buch folgt, ist Schockstarre. Ihr Roman ist wie ein Faustschlag, von dem man sich erst mal erholen muss." (Franziska Wolffheim, Spiegel-Online 04/20)

Adeline Dieudonné: Das wirkliche Leben
DTV 2020, HC, 240 Seiten
18,00 €
978-3-423-28213-0
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Patrik Svensson: Das Evangelium der Aale

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Eine Besprechung von Christoph Dümpelmann:
Patrik Svenssons lesenswertes Buch entzieht sich der Kategorisierung üblicher literarischer Gattungen. In der großen Klammer einer autobiografischen Erzählung über die Beziehung zu seinem Vater beschreibt Svensson die Erforschungsgeschichte, Biologie und Rätselhaftigkeit des Europäischen Aals.
Episodenhaft beschreibt er den Aal von den ersten bibliografischen Erwähnungen bei Aristoteles bis zu den aktuellen Forschungsergebnissen. Diese sachbuchartigen Passagen über diese bis heute tatsächlich noch nicht vollständig erforschte Fischart präsentieren sowohl leicht lesbare wissenschaftliche Fakten als auch Ausflüge in Naturphilosophie, Mystik und Religion.
Daneben gelingen dem Autor immer wieder kurze literarische Abstecher wie beispielsweise eine wunderbare kleine Rezension des Buches "Unter dem Meerwind" von Rachel Carson aus dem Jahr 1941.
Doch nie schweift Svensson zu weit von seinem eigentlichen Thema, dem Aal, ab. Dieser Fisch mit seiner zyklischen Lebensgeschichte wird dabei zur Metapher für den eigenen, menschlichen und persönlichen Lebenszyklus.

Mit "Das Evangelium der Aale" legt Svensson ein wirklich gut lesbares und unterhaltsames Sachbuch vor, das nicht nur der fachlich interessierten Leser*in sondern einem breiten Publikum faszinierende und neue Einblicke in das Leben und Wesen des Aals gewährt. Die parallel erzählte Vater - Sohn - Beziehung ist ebenfalls durch gemeinsame Erlebnisse mit Aalen geprägt und wird so überhaupt erst erleb- und erzählbar.

Patrik Svensson: Das Evangelium der Aale
DTV 2021, TB, 256 Seiten
12,90 €
978-3-423-34994-9
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Robert Macfarlane: Im Unterland

Eine Entdeckungsreise in die Welt unter der Erde

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Durch Höhlen, dunkle Kanäle, Stollen, Lagerstätten und Grabkammern führt uns dieser ungewöhnliche, spannende und nachdenklich machende Reisebericht des britischen Autoren Robert Macfalane.
Der Boden unter unseren Füßen birgt viele Geheimnisse: gruselige, schöne, Angst einflößende und aufregende, bedrohliche und beruhigende, je nachdem, wohin die Reise in den Untergrund führt. Robert Macfarlane ist in die Unterwelt gestiegen, hat ihren Geheimnissen nachgespürt und dieses Buch darüber verfasst, Kulturgeschichte und Naturgeschichte gleichermaßen, denn das Unterirdische spielt in allen Kulturen eine wichtige Rolle.
Es gibt es keinen Bereich, den Robert Macfalane nicht erkundet hat: vom unterirdischen Pilzgeflecht, über ein tausende Meter tiefes Forschungslabor bis hinunter zu den alten Grabkammern unserer Vorfahren.
Er ist durch die Kanäle von Paris gekrochen, in die Höhlen des italienischen und kroatischen Karstlandes gestiegen, unterirdischen Flüssen gefolgt, hat sich in Gletscherspalten abgeseilt. Er beschreibt den unterseeischen Abbau von Salz aber auch eine Lagerstätte für strahlenden Atommüll, die hunderttausende Jahre überdauern soll.
Zuweilen erzählt Macfalane von seiner Angst, wenn er in Schneestürme in der Wildnis geriet, fast in den schmalen Spalten in den Höhlen steckenblieb, sich in dunkle unbekannte Tiefen hinabließ. Die wohl verstörendste Erfahrung aber machte er in Slowenien: Dort ruhen in tiefen Höhlen die Gebeine tausender Partisanen, Männer, Frauen und Kinder, die von Kommunisten wie Faschisten während des Zweiten Weltkriegs erbarmungslos in die Tiefe gestürzt wurden.

Vieles hat Robert Macfalane, da wo es geht, in wunderbaren und in zuweilen poetischen Naturbildern geschrieben, die den Unterschied zwischen der oberirdischen Natur und dem versteckten unterirdischen Leben verdeutlichen.

"Ein Buch, das es schafft, den Blick auf die Welt und auch auf sich selbst zu verändern" (Dennis Scheck, WDR)

Robert Macfarlane: Im Unterland
Penguin 2019, HC, 560 Seiten
24,00 €
978-3-328-60113-5
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Colson Whitehead: Die Nickel Boys

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Eine staatliche Hölle aus Rassismus.
Anfang der 60er Jahre in Florida. Zwei schwarze Jugendliche werden ins "Nickel", eine sogenannte Besserungsanstalt für (beinahe ausschließlich schwarze) Jugendliche, eingeliefert.
Elwood lebt bis dahin bei seiner Großmutter, er ist klug, gewissenhaft, arbeitet in einem kleinen Laden. Eigentlich hat er vor, aufs College zu gehen. Er hört begeistert die Reden von Martin Luther King, liest gern Comics und sein High-School-Lehrer vermittelt ihm amerikanische Literatur, allen voran die Bücher von James Baldwin.
Dann landet Elwood im "Nickel", wo er Turner kennenlernt und die beiden sich anfreunden. Elwood ist beim Trampen ahnungslos in ein geklautes Auto gestiegen. Ein Verfahren gibt es nicht, geschweige denn eine Verteidigung. Die Großmutter schaltet trotzdem einen Anwalt ein und der verschwindet mit ihrem Geld. Es gibt einfach keine Hilfe.

Die "Besserungsanstalt", das "Nickel", ist ein Alptraum, in dem sich weiße Herrenmenschen austoben dürfen. Die minderjährigen schwarzen Insassen werden vom Personal nicht nur ausgebeutet, sie werden geschlagen, vergewaltigt und umgebracht. Das "Nickel" erscheint als ein Ort, in dem Pädophile, Sadisten und auch Mörder nicht die Ausnahme, sondern die Regel sind. Elwoods Freund Turner will der grausamen Willkür entgehen, indem er nicht auffällt oder aneckt. Elwood selbst hält das nicht aus, er versucht, seine Würde zu bewahren und das Unrecht anzuprangen - wenn er es schon nicht verhindern kann. Und das hat schreckliche Folgen.

Whitehead klagt in seinem Roman nicht an. Er berichtet und beobachtet und erzählt mit einer Selbstverständlichkeit über die Chancenlosigkeit von Schwarzen in den rassistischen USA der 60er Jahre, dass es einen sprachlos macht.

Colson Whitehead: Die Nickel Boys
btb 2021, TB, 224 Seiten
12,00 €
978-3-442-77042-7
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Sebastian Barry: Tage ohne Ende

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Ein Western mit zwei Männern, die als Tänzerinnen in einer Goldgräberstadt arbeiten, dann Soldaten werden und im Krieg gegen die Indianer Männer, Frauen und Kinder niedermetzeln, dann aber ein Indianermädchen adoptieren, den amerikanischen Bürgerkrieg mitmachen und schließlich ein Farmerehepaar werden.
Eine Geschichte also, die mit unseren Vorstellungen vom "Wilden Westen" so gar nicht zusammenpasst.
Thomas McNulty und sein Freund John Cole sind gerade 17 Jahre alt, als ihre Karriere als Tanzmädchen in einem Saloon für Bergarbeiter ein Ende findet. Für den "miesesten Lohn aller miesesten Löhne" verdingen sie sich bei der Armee und sind fortan unzertrennlich in Kriegsgeschäften unterwegs. Angst kennen beide nicht, dafür haben sie schon zu viel erlebt. Thomas ist vor dem "Großen Hunger" aus Irland geflohen, hat die Überfahrt und die Fieberhütten in Kanada überlebt, sich bis nach Missouri durchgeschlagen. Dann stolpert er durch das Grauen der Feldzüge gegen die Indianer und des amerikanischen Bürgerkriegs. Davon und von seiner großen Liebe erzählt er mit unerhörter Selbstverständlichkeit und berührender Offenheit. In all dem Horror findet Thomas mit John und seiner Adoptivtochter Winona sein Glück. Er bleibt ein Optimist, ganz gleich unter welchen Umständen.

Sebastian Barry, 1955 in Dublin geboren, gehört zu den interessantesten britischen und irischen Autoren der Gegenwart. In seinen Romanen gelingt es ihm, die speziellsten Biografien wunderbar spannend zu erzählen.

Sebastian Barry: Tage ohne Ende
Steidl 2020, TB, 256 Seiten
12,80 €
978-3-95829-727-2
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Margarete Stokowski: Die letzten Tage des Patriarchats

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Der Titel klingt nach einer Kampfansage, ist aber gleichzeitig eher als Ironie gemeint. Das Buch selbst ist eine überarbeitete Sammlung, eine Art Best of von Margarete Stochowskis Kolumnen aus TAZ und Spiegel Online seit dem Jahr 2011, eine kritische Bestandsaufnahme.
Es geht um die vielen Ungleichheiten im Alltag, wie fehlende Unisex-Toiletten, die Unmöglichkeit, im Baumarkt eine Arbeitslatzhose für Frauen zu finden und eine Menge weiterer. Darüber hinaus erfahren wir, welche ihrer Kolumnen welche Hasskommentare im Netz hervorgerufen haben oder anderweitig kommentiert worden sind.
Die Möglichkeit, alle Kolummnen an einem Stück zu lesen, lässt einen die letzten Jahre noch einmal nacherleben – wie  den G20 Gipfel in Hamburg, den Einzug der AfD in die Parlamente und den Bundestag, die #Metoo Debatte...

Für Margarete Stochowski heißt Feministin sein, sich für die gleichen Rechte und Freiheiten aller Menschen einzusetzen, unabhängig von Geschlecht, Sexualität und Körper. Ob ich die Achseln oder welchen Körperteil auch immer rasiere oder nicht, ob ich angezogen oder halbnackt tanze: total egal – wie jede will.
Stokowski befreit den Feminismus von Vorurteilen. Und man kann ihre Texte kann auch verstehen, ohne Gender Studies studiert zu haben. Ihre Schilderungen von Alltagssituationen, ihre Beispiele und Bilder machen das ganze Thema sehr anschaulich, eindrücklich und zuweilen auch witzig. Es gelingt ihr, dich zum lachen zu bringen und zur selben Zeit wütend zu machen.

Margarete Stokowski: Die letzten Tage des Patriarchats
Rowohlt 2019, TB, 320 Seiten
12,00 €
978-3-499-60669-4
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Max Annas: Finsterwalde

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Finsterwalde ist eine Dystopie, die man vor einigen Jahren kaum als möglich erachtet hätte. Doch in einer Zeit, in der in ganz Europa Rechtspopulisten immer mehr Einfluss erlangen und in denen die Abschottung Europas und der wiedererwachten Nationalstaaten zum zentralen Thema wird, sollte man über die Plausibilität des Romans vielleicht doch nachdenken.
2030. Deutschland ist zu einem rechten Polizeistaat geworden, der Fachkräfte angeworben hat, um die Lücken, die die massenhaften Deportationen von Nicht-Deutschen und Nicht-"Bio"-Deutschen gerissen haben, zu kompensieren. Drohnen, Kameras und elektronische Fußfesseln überwachen die Immigranten. Die Neuen sind gewissermaßen auf Bewährung im Land. "Keine politischen Diskussionen im ersten Jahr", so steht es in ihrem Immigrationsvertrag.
Eine solche angeworbene Fachkraft ist Eleni. Zusammen mit ihrem Mann Theo, einem ehemaligen Journalisten, und ihren beiden Töchtern ist sie aus Griechenland nach Berlin gekommen. Eleni wird die Arztpraxis einer Frau übernehmen, die interniert wurde, weil sie schwarz ist - das weiß sie natürlich aber nicht.

Finsterwalde. Um die Stadt im Süden Brandenburgs haben die neuen Machthaber einen Zaun gezogen. Wer versucht auszubrechen, wird erschossen. Hier sind alle Schwarzen eingesperrt, die es nicht rechtzeitig außer Landes geschafft haben, ein ähnliches Lager soll es für Asiaten geben. Da sind auch die Ärztin Marie, Elenis Vorgängerin in Berlin-Kreutberg, und ihre beiden Kinder. Was genau die Machthaber mit den Internierten vorhaben, ist unklar. Marie bemüht sich zusammen mit einigen anderen, so etwas wie Struktur in das Lager zu bringen. Was bei der Verteilung von Lebensmittellieferungen noch funktioniert, aber scheitert, als es zu ersten Morden unter der Bevölkerung kommt.
Dann wird ein Priester umgebracht und auf seinem Handy finden sich Hinweise, dass er vor seinem Tod noch Kinder in einem Berliner Keller versteckte. Marie und eine Gruppe anderer Lagerbewohner wollen sie retten und beschließen, irgendwie aus dem Lager auszubrechen.
Theo wiederum findet in der neuen Wohnung in Berlin Fotos von den Vorbesitzern Marie und ihrer Familie. Und er erfährt von Finsterwalde und beschließt, dort hinzureisen ...

Max Annas erzählt schnell, fast atemlos. Sein Thema ist nicht die dumpfe deutsche Mehrheitsgesellschaft. Diejenigen, die die Nationalen gerade in den östlichen Landesteilen mit zum Teil nahezu hundertprozentiger Mehrheit gewählt haben, sie kommen nur am Rande vor. Annas beschreibt das neue System mit den Augen derer, die dort keinen Platz mehr haben. Menschen, die aufgrund ihrer Hautfarbe oder Herkunft interniert werden. Und er erzählt von denen, die neu ins Land geholt werden und rasch merken, dass sie zwar als Lösung für den Fachkräftemangel gesehen werden, aber letztendlich Fremdkörper, wenn nicht gar Feinde sind.

Max Annas: Finsterwalde
Rowohlt 2019, TB, 400 Seiten
10,00 €
978-3-499-29168-5
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Francesca Malandri: Alle außer mir

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Die Blinden Flecken Italiens

Melandris neuer Roman erzählt von dem brutalen Eroberungskrieg italieniescher Kolonialtruppen in Äthiopien unter Mussolini zwischen 1935 und 1936. Am Beispiel des so liebenswerten wie opportunistischen Soldaten Attilio Profeti schildert sie, wie sich die Faschisten mit Giftgasangriffen das Land untertan machten. Für Mussolini hatte der Sieg einen hohen symbolischen Wert, schlachtete das Regime  die Besatzung doch propagandistisch aus und erreichte dadurch ein Höchstmaß an Zustimmung.
"Alle außer mir" ist einer der ganz wenigen Romane, die diesen Blinden Fleck Italiens behandeln. Und er kommt zur richtigen Zeit, widerspricht er doch den vielen rassistischen Parolen des neuen Innenministers Saviano auf wohltuende Weise.

Kennen Sie die Vergangenheit Ihres Vater? Die vierzigjährige Lehrerin Ilaria hätte diese Frage wohl bejaht, bis eines Tages ein junger Afrikaner vor ihrer Wohnung in Rom auftaucht und behauptet, mit ihr verwandt zu sein. In seinem Ausweis steht: Attilio Profeti, das ist der Name ihres Vaters. Der aber ist zu alt, um noch Auskunft geben zu können.
Von hier aus entfaltet Francesca Melandri Ilarias Familiengeschichte über drei Generationen und damit ein schonungsloses Porträt der italienischen Gesellschaft. Sie holt die bisher verdrängte italienische Kolonialgeschichte des 20. Jahrhunderts in die Literatur: die Verbindungen Italiens nach Äthiopien und Eritrea bis hin zu den gegenwärtigen politischen Konflikten verknüpft Melandri mit dem Schicksal der heutigen Geflüchteten - und stellt die Schlüsselfragen unserer Zeit: Was bedeutet es, zufällig im "richtigen" Land geboren zu sein, und wie entstehen Nähe und das Gefühl von Zugehörigkeit?

Francesca Malandri: Alle außer mir
btb 2020, TB, 608 Seiten
12,00 €
978-3-442-71686-9
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Schlecky Silberstein: Das Internet muss weg

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Das Ergebnis ist so klar wie frustrierend: Die aktuelle Version des Internets ist die größte Verarschungsmaschine aller Zeiten.
Eigentlich ist das ja für uns alle im Zeitalter von Filterblasen, Fake News und Datenkapitalismus nichts Neues. Aber trotzdem gut, wenn jemand, der als Blogger vom Internet lebt und sich auskennt, das ganze Dilemma analog in einem gedruckten Buch aufzeigt. Silbersteins Argumente lesen sich dabei oft wie eine gruselige Dystopie und zeigen, wie nah sich die Methoden der Internetindustrie an der Illegalität bewegen. Die großen Plattformen beschäftigen laut Silberstein beispielsweise eigene Addictive-Design-Abteilungen, in denen Erkenntnisse aus der Spielautomaten-Programmierung auf Internetdienste angepasst werden um die Menschen noch mehr an ihr Online-Leben zu binden, die Online-Sucht lässt grüßen.
Silberstein hat für sein Buch mit Ehemaligen Mitarbeitern des Silicon Valleys gesprochen, die es mittlerweile verfluchen, früher mal für Facebook oder Google gearbeitet zu haben. Sie erklären, was es mit dem Facebook-Like-Button wirklich auf sich hat und wie viel die persönlichen Daten der User real wert sind.
Der Kampf um die notwendige Reichweite auf Online-Plattformen führt laut Silberstein letztendlich dazu, dass sich auch der (Qualitäts)journalismus immer mehr freiwillig selbstentwertet, um wirtschaftlich mithalten zu können. Nur, wer genügend Interaktionen mit und zwischen den Usern erzeugt, kommt durch die Filter der Algorithmen und kann öknomisch erfolgreich sein. Dazu müssen schließlich auch noch die jeweiligen persönlichen Filterblasen überwunden werden. Dann werden den Usern unter dem Deckmantel der Relevanz nur noch die Themen angezeigt, bei denen die Interaktionsrate besonders wahrscheinlich ist - und das ist sie ja vor allem dann, wenn das eigene Weltbild unterstützt wird.

Schlecky Silberstein: Das Internet muss weg
Penguin 2019, TB, 272 Seiten
10,00 €
978-3-328-10443-8
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Liv Strömquist: Der Ursprung der Liebe

Eine Art Sachcomic

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Nach "Der Ursprung der Welt" der neue Sachcomic von Liv Strömquist!
Die Religion ist tot. Die Liebe ist zum einzigen absoluten Glücksversprechen in unserer aufgeklärten, von Singularitäten geprägten Zeit geworden. Und allgegenwärtig wird sie auf eine Art und Weise überhöht, dass es kaum zum Aushalten ist.
Dagegen schreibt und zeichnet Liv Strömquist in ihrer neuen Graphic Novel „Der Ursprung der Liebe“ ein wunderbar witziges aber auch tiefsinniges Plädoyer für mehr Lockerheit in der Liebe.

 Heute wird Liebe oft naturwissenschaftlich erklärt, verliebt zu sein heißt da schlicht, einer ganzen Reihe von Hormonen ungeschützt ausgeliefert zu sein.
Anders bei Liv Strömquist: anhand der Kulturgeschichte, soziologischer Theorien, der Psychoanalyse aber auch Goethes Werther und der ein oder anderen Gottheit zeigt sie auf, dass vieles, was wir in der Liebe tun, eben nichts mit Natur zu tun hat. Sie entlarvt unser Konzept von „Liebe“ als Teil von neoliberalen Markt-Prinzipien einerseits und andererseits als private Mini-Religion – häufig geprägt von Machtinteressen, Manipulation und Egoismus.
Dabei bearbeitet Sie das Thema gleichermaßen ernsthaft wie leicht und es macht Spaß, ihren Gedanken zu folgen, wenn sie alles, was bei der Liebe gemeinhin als normal empfunden wird, so lange dreht und wendet bis es sich zuweilen schon absurd anfühlt.

Liv Strömquist: Der Ursprung der Liebe
Avant Verlag 2018, mit vielen SW-Illustr., 136 Seiten
20,00 €
978-3-945034-89-7
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Édouard Louis: Im Herzen der Gewalt

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"Als er mich vergewaltigte, schrie ich nicht, aus Angst, er könnte auf mich schießen. Ich rührte und regte mich nicht. Mit trockenem Klatschen rammte mich sein Becken. Ich konzentrierte mich auf das Pfirsicharoma."

Eine Nacht hat sein Leben zerstört. Es sollte eigentlich eine schöne Erfahrung werden, als der Ich-Erzähler Édouard in der Nacht des Heiligabends in der Nähe des Pariser Place de la République auf Reda trifft. Reda schmeichelt ihm, will den Ich-Erzähler kennenlernen und noch was mit ihm trinken gehen.
Irgendwann nimmt Reda die Hand von Édouard und der gibt nach. Édouard nimmt Reda mit zu sich hoch, sie schlafen miteinander, sie schaffen eine gemeinsame Intimität. Und dann, von jetzt auf gleich, ändert sich alles. Die Situation zwischen Reda und Édouard eskaliert, als Edouard vom Duschen zurückkommt und sein Mobiltelefon nicht mehr findet. Dann entdeckt er es zufälligerweise in Redas Manteltasche. Er konfrontiert Reda, und der rastet aus, weil er kein Dieb sei. Reda beginnt zu brüllen, und es ist der Lärm, der Edouard zuerst am meisten schmerzt. Édouard wird gefesselt, die Kehle mit einem Schal zugeschnürt, mit einer Pistole bedroht und brutal von Reda vergewaltigt.
Danach flieht Edouard aus Paris nach Hause zu seiner Schwester Clara. Aber die ist keine Hilfe, im Gegenteil, sie missbraucht sein Vertrauen.
Die einzigen, die wirklich zu ihm stehen, sind seine Freunde Geoffroy (de Lagasnerie) und Didier (Eribon). Die überzeugen ihn auch davon, doch Anzeige zu erstatten.
Und da wird Édouard mit dem Rassismus der Beamten konfrontiert: "Auf der Kopie der Anzeige, die ich zu Hause aufbewahre, heißt es im Polizeijargon über Reda: Maghrebinischer Typus. Jedes Mal, wenn ich mir das Blatt anschaue, ärgere ich mich über den Begriff. ...für sie implizierte maghrebinischer Typus keine geographische Information, sondern bedeutete schlicht Schurke, Übeltäter, Krimineller."
Edouard hat Angst, Reda könnte irgendwo auftauchen. Und mit dieser Paranoia schleichen sich auch bei ihm rassistische Grundgedanken ein, konstatiert er: "Im Bus, in der Metro senkte ich den Blick, wenn ein Schwarzer oder Araber oder möglicher Kabyle mir näherkam." Und dann dieser Satz: "Ich war zum Rassisten geworden. Der Rassismus, also, was ich immer als das meinem Wesen radikal Entgegengesetzte empfunden hatte, das absolut andere meiner selbst, erfüllte mich unvermittelt, ich war die anderen geworden."
Édouard floh eigentlich vor dem Rassismus aus dem ländlichen Norden Frankreichs nach Paris, um sich beweisen zu können: Ich bin anders als meine Familie. Aber die Wahrheit ist: Auch, wenn du fliehst, dich in besserer Umgebung aufhältst, studierst und dich als links verstehst, du kannst die rassistischen Strukturen nicht so einfach hinter dir lassen.
Rassismus, sexuelle Gewalt, der Gang der Institutionen und Machtlosigkeit sind die zentralen Themen von "Im Herzen der Gewalt". Am Ende geht es in dem Roman auch um Freundschaft, vor allem die zu Didier Eribon und Geoffroy de Lagasnerie, die alles mit dem Ich-Erzähler zusammen durchgestanden haben.

Édouard Louis: Im Herzen der Gewalt
S.Fischer 2020, TB, 224 Seiten
12,00 €
978-3-596-52269-9
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Volker Weidermann: Träumer

Als die Dichter die Macht übernahmen

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November 1918 bis April 1919. Nach dem Ende des 1. Weltkriegs und der Absetzung des bayrischen Königs, beginnt ein Moment, in dem alles möglich erscheint: radikaler Pazifismus, direkte Demokratie, soziale Gerechtigkeit, die Herrschaft der Phantasie, kurz, die Münchner Räterepublik. Eine Revolution, durch die die Dichter an die Macht gelangten. An der Spitze der Rätebewegung stehen die Schriftsteller Ernst Toller, Gustav Landauer und Erich Mühsam, auf die nach den Tagen der Euphorie und der schnellen Ernüchterung schließlich lange Haftstrafen oder sogar der Tod warten. Und dann sind da noch die anderen Beteiligten und Beobachter wie Thomas Mann, Klaus Mann, Rainer Maria Rilke, Viktor Klemperer oder Oskar Maria Graf.
Von den Geschehnissen zwischen November 1918 und April 1919 erzählt Volker Weidermann in seinem neuen Buch im Stil einer Reportage, bei der die Leser*in zur Zeugen*in der turbulenten, tragischen und auch komischen Wochen wird, die München, Bayern und Deutschland erschütterten.
In rasantem Tempo und aus der Perspektive der beteiligten und beobachtenden Dichter entsteht so ein spannender und außergewöhnlicher historischer Bericht über ein singuläres Ereignis der deutschen Geschichte.

Volker Weidermann: Träumer
btb 2019, TB, 287 Seiten
12,00 €
978-3-442-71648-7
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Max Annas: Illegal

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Der junge Ghanaer Kodjo schlägt sich in Berlin als „Illegaler“, also ohne Aufenthaltsgenehmigung, mit Gelegenheitsjobs durchs Leben. Illegal leben heißt, sich so unsichtbar machen wie möglich, heißt, jeden Kontakt mit der Polizei und anderen Ordnungsmächten vermeiden. Das geht solange einigermaßen gut, bis ein Kumpel von Kodjo die Nerven verliert und ohne Not vor einer Polizeistreife davonrennt.
Auch Kodjo flieht, und die Katastrophe beginnt. Er muss untertauchen, versteckt sich in einem Abbruchhaus und wird  Zeuge eines Mordes an einer Prostituierten im „Fenster zum Hof“ des gegenüberliegenden Hauses. Als Kodjo eingreifen will, kommt er dem Mörder in die Quere. Und der hat beste Kontakte zu einer Security-Firma, deren Methoden mehr als zweifelhaft sind. Zur Polizei kann Kodjo nicht und seine Verfolger kommen immer näher. Er muss um seine Leben rennen.
In Hochgeschwindigkeit jagt Max Annas uns mit Kodjo durch ein präzise beschriebenes  Berlin. Für denjenigen, der nicht wirklich Teil dieser Gesellschaft ist, wird die Stadt zu einem bedrohlichen Labyrinth. Die Hautfarbe von Kodjo stellt ihn unter Generalverdacht, das "Racial profiling" bestimmt jeden Augenblick seiner Realität, es markiert unerbittlich die Grenze zwischen "drinnen" und "draußen". Ausgrenzung ist unhintergehbar, auch in Berlin.


Max Annas: Illegal
Rowohlt 20178, TB, 240 Seiten
10,00 €
978-3-499-29138-8
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Julian Barnes: Lärm der Zeit

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28. Januar 1936: In der Prawda erscheint ein vernichtender Verriss der Oper "Lady Macbeth von Mzensk" von Dimitri Schostakowitsch.
War an allem nicht auch die Sitzordnung schuld? Die Regierungsloge lag direkt über den Blechbläsern, die aus Nervosität besonders laut spielten. Stalin war nicht amüsiert und verließ die Aufführung vor dem Ende.
"Vernichtend" hatte damals einen wörtlichen Sinn. Bis zu seinem Tod strich sich Schostakowitsch den 28. Januar im Kalender an. "Dieses raffinierte Spiel aber kann böse enden", hatte der Prawda- Artikel geschlossen. Seit dieser Ankündigung hing das Leben des Beschuldigten am Fädchen.
Julian Barnes erzählt in seinem neuen Roman detailreich das Leben Schostakowitschs, der seit diesem 28. Januar zu feige war, gegen die Macht zu opponieren. Doch was ist Feigheit? Wer kann sich erlauben, darüber zu urteilen? Die Idealisten und westlichen Besserwisser, die sich die Künstler als hehre Kämpfer gegen die Macht wünschen (weil sie sicher sein können, dass es nicht ihr Blut ist, das das Pflaster beflecken wird)?  Barnes stellt die Frage nach der Feigheit und widerlegt sie in seinem Buch wider und wieder.
Obwohl man weiß, dass der Held überleben wird, zittert man dennoch mit, wenn sich der Fahrstuhl in Bewegung setzt und im fünften Stock hält, wo Schostakowitsch mit seiner Familie wohnt und jede Nacht im Anzug und mit gepacktem Koffer darauf wartet, dass man ihn holt.
Es sind ie Jahrzehnte des Dauerzitterns. Man konnte nicht die Wahrheit sagen und überleben. Es gab keine Möglichkeit, der moralischen Korruption zu entkommen.
Sich selbst konnte man opfern, Frau und Kind nicht.
Im März 1949 ruft ihn Stalin persönlich an und schickt ihn als Repräsentanten der Sowjetmusik zum Friedenskongress nach New York. Dort folgt Schostakowitsch der Parteilinie und distanziert sich von dem zeitgenössischen Komponisten, den er am meisten verehrt, Igor Strawinsky.
Es ist der Moment seines Lebens, den er sich nie verzeihen wird.
Stalin stirbt, die Zeit danach ist weniger gefährlich. Für Schostakowitsch wird es moralisch dadurch noch schlimmer.
Er wird hofiert, mit Preisen überhäuft, er bekommt Datscha und Chauffeur, tritt auf sanften Druck in die Partei ein - die zweitgrößte Sünde seines Lebens. Sogar seine Lady Macbeth wird wieder aufgeführt.
"Früher hatten sie ausgelotet, wie weit sein Mut reichte. Jetzt loteten sie aus, wie weit seine Feigheit reichte."
Das war die neue Lage unter Chruschtschow: Früher war Schostakowitschs Leben bedroht, jetzt sind es seine Privilegien. Aber loten sie wirklich Unterschiedliches aus und nicht zweimal dasselbe?

Ein Buch, dass nicht nur Schostakowitsch-Interessierte lesen sollten, steht es doch auch exemplarisch für die Unmöglichkeit, Kunst und Kultur in totalitären Regimen (ohne sich zu korrumpieren) zu schaffen.

Julian Barnes: Lärm der Zeit
Kiepenheuer & Witsch 2018, TB, 256 Seiten
10,00 €
978-3-442-71652-4
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Didier Eribon: Rückkehr nach Reims

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Didier Eribon, geboren 1953 in Reims, Foucault-Biograph, lehrt Soziologie an der Universität von Amiens und gilt als einer der wichtigsten Intellektuellen Frankreichs. In seinem aktuellen Buch "Rückkehr nach Reims" setzt er sich mit seiner eigenen Herkunft aus der Arbeiterschicht und mit seiner Homosexualität auseinander. Dabei liefert er eine profunde Analyse des sozialen und intellektuellen Lebens in Frankreich seit den fünfziger Jahren.
Als sein Vater stirbt, reist Didier Eribon zum ersten Mal nach Jahrzehnten in seine Heimatstadt. Gemeinsam mit seiner Mutter sieht er sich Fotos an – das ist die Ausgangskonstellation dieses Buchs, das autobiografisches Schreiben mit soziologischer Reflexion verknüpft. Eribon realisiert, wie sehr er unter der Homophobie seines Herkunftsmilieus litt und dass es der Habitus einer armen Arbeiterfamilie war, der es ihm schwer machte, in der Pariser Gesellschaft Fuß zu fassen. Darüber hinaus liefert er eine Analyse des sozialen und intellektuellen Lebens seit den fünfziger Jahren und fragt, warum ein Teil der Arbeiterschaft zum Front National übergelaufen ist.

Didier Eribon: Rückkehr nach Reims
Suhrkamp Verlag 2016, Br., 237 Seiten
18,00 €
978-3-518-07252-3
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