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Lesetipps

Max Annas: Finsterwalde

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Finsterwalde ist eine Dystopie, die man vor einigen Jahren kaum als möglich erachtet hätte. Doch in einer Zeit, in der in ganz Europa Rechtspopulisten immer mehr Einfluss erlangen und in denen die Abschottung Europas und der wiedererwachten Nationalstaaten zum zentralen Thema wird, sollte man über die Plausibilität des Romans vielleicht doch nachdenken.
2030. Deutschland ist zu einem rechten Polizeistaat geworden, der Fachkräfte angeworben hat, um die Lücken, die die massenhaften Deportationen von Nicht-Deutschen und Nicht-"Bio"-Deutschen gerissen haben, zu kompensieren. Drohnen, Kameras und elektronische Fußfesseln überwachen die Immigranten. Die Neuen sind gewissermaßen auf Bewährung im Land. "Keine politischen Diskussionen im ersten Jahr", so steht es in ihrem Immigrationsvertrag.
Eine solche angeworbene Fachkraft ist Eleni. Zusammen mit ihrem Mann Theo, einem ehemaligen Journalisten, und ihren beiden Töchtern ist sie aus Griechenland nach Berlin gekommen. Eleni wird die Arztpraxis einer Frau übernehmen, die interniert wurde, weil sie schwarz ist - das weiß sie natürlich aber nicht.

Finsterwalde. Um die Stadt im Süden Brandenburgs haben die neuen Machthaber einen Zaun gezogen. Wer versucht auszubrechen, wird erschossen. Hier sind alle Schwarzen eingesperrt, die es nicht rechtzeitig außer Landes geschafft haben, ein ähnliches Lager soll es für Asiaten geben. Da sind auch die Ärztin Marie, Elenis Vorgängerin in Berlin-Kreutberg, und ihre beiden Kinder. Was genau die Machthaber mit den Internierten vorhaben, ist unklar. Marie bemüht sich zusammen mit einigen anderen, so etwas wie Struktur in das Lager zu bringen. Was bei der Verteilung von Lebensmittellieferungen noch funktioniert, aber scheitert, als es zu ersten Morden unter der Bevölkerung kommt.
Dann wird ein Priester umgebracht und auf seinem Handy finden sich Hinweise, dass er vor seinem Tod noch Kinder in einem Berliner Keller versteckte. Marie und eine Gruppe anderer Lagerbewohner wollen sie retten und beschließen, irgendwie aus dem Lager auszubrechen.
Theo wiederum findet in der neuen Wohnung in Berlin Fotos von den Vorbesitzern Marie und ihrer Familie. Und er erfährt von Finsterwalde und beschließt, dort hinzureisen ...

Max Annas erzählt schnell, fast atemlos. Sein Thema ist nicht die dumpfe deutsche Mehrheitsgesellschaft. Diejenigen, die die Nationalen gerade in den östlichen Landesteilen mit zum Teil nahezu hundertprozentiger Mehrheit gewählt haben, sie kommen nur am Rande vor. Annas beschreibt das neue System mit den Augen derer, die dort keinen Platz mehr haben. Menschen, die aufgrund ihrer Hautfarbe oder Herkunft interniert werden. Und er erzählt von denen, die neu ins Land geholt werden und rasch merken, dass sie zwar als Lösung für den Fachkräftemangel gesehen werden, aber letztendlich Fremdkörper, wenn nicht gar Feinde sind.

Max Annas: Finsterwalde
Rowohlt 2018, HC, 400 Seiten
22,00 €
978-3-498-07401-2
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Francesca Malandri: Alle außer mir

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Die Blinden Flecken Italiens

Melandris neuer Roman erzählt von dem brutalen Eroberungskrieg italieniescher Kolonialtruppen in Äthiopien unter Mussolini zwischen 1935 und 1936. Am Beispiel des so liebenswerten wie opportunistischen Soldaten Attilio Profeti schildert sie, wie sich die Faschisten mit Giftgasangriffen das Land untertan machten. Für Mussolini hatte der Sieg einen hohen symbolischen Wert, schlachtete das Regime  die Besatzung doch propagandistisch aus und erreichte dadurch ein Höchstmaß an Zustimmung.
"Alle außer mir" ist einer der ganz wenigen Romane, die diesen Blinden Fleck Italiens behandeln. Und er kommt zur richtigen Zeit, widerspricht er doch den vielen rassistischen Parolen des neuen Innenministers Saviano auf wohltuende Weise.

Kennen Sie die Vergangenheit Ihres Vater? Die vierzigjährige Lehrerin Ilaria hätte diese Frage wohl bejaht, bis eines Tages ein junger Afrikaner vor ihrer Wohnung in Rom auftaucht und behauptet, mit ihr verwandt zu sein. In seinem Ausweis steht: Attilio Profeti, das ist der Name ihres Vaters. Der aber ist zu alt, um noch Auskunft geben zu können.
Von hier aus entfaltet Francesca Melandri Ilarias Familiengeschichte über drei Generationen und damit ein schonungsloses Porträt der italienischen Gesellschaft. Sie holt die bisher verdrängte italienische Kolonialgeschichte des 20. Jahrhunderts in die Literatur: die Verbindungen Italiens nach Äthiopien und Eritrea bis hin zu den gegenwärtigen politischen Konflikten verknüpft Melandri mit dem Schicksal der heutigen Geflüchteten - und stellt die Schlüsselfragen unserer Zeit: Was bedeutet es, zufällig im "richtigen" Land geboren zu sein, und wie entstehen Nähe und das Gefühl von Zugehörigkeit?

Francesca Malandri: Alle außer mir
Wagenbach 2018, HC, 608 Seiten
26,00 €
978-3-8031-3296-3
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Schlecky Silberstein: Das Internet muss weg

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Das Ergebnis ist so klar wie frustrierend: Die aktuelle Version des Internets ist die größte Verarschungsmaschine aller Zeiten.
Eigentlich ist das ja für uns alle im Zeitalter von Filterblasen, Fake News und Datenkapitalismus nichts Neues. Aber trotzdem gut, wenn jemand, der als Blogger vom Internet lebt und sich auskennt, das ganze Dilemma analog in einem gedruckten Buch aufzeigt. Silbersteins Argumente lesen sich dabei oft wie eine gruselige Dystopie und zeigen, wie nah sich die Methoden der Internetindustrie an der Illegalität bewegen. Die großen Plattformen beschäftigen laut Silberstein beispielsweise eigene Addictive-Design-Abteilungen, in denen Erkenntnisse aus der Spielautomaten-Programmierung auf Internetdienste angepasst werden um die Menschen noch mehr an ihr Online-Leben zu binden, die Online-Sucht lässt grüßen.
Silberstein hat für sein Buch mit Ehemaligen Mitarbeitern des Silicon Valleys gesprochen, die es mittlerweile verfluchen, früher mal für Facebook oder Google gearbeitet zu haben. Sie erklären, was es mit dem Facebook-Like-Button wirklich auf sich hat und wie viel die persönlichen Daten der User real wert sind.
Der Kampf um die notwendige Reichweite auf Online-Plattformen führt laut Silberstein letztendlich dazu, dass sich auch der (Qualitäts)journalismus immer mehr freiwillig selbstentwertet, um wirtschaftlich mithalten zu können. Nur, wer genügend Interaktionen mit und zwischen den Usern erzeugt, kommt durch die Filter der Algorithmen und kann öknomisch erfolgreich sein. Dazu müssen schließlich auch noch die jeweiligen persönlichen Filterblasen überwunden werden. Dann werden den Usern unter dem Deckmantel der Relevanz nur noch die Themen angezeigt, bei denen die Interaktionsrate besonders wahrscheinlich ist - und das ist sie ja vor allem dann, wenn das eigene Weltbild unterstützt wird.

Schlecky Silberstein: Das Internet muss weg
Knaus 2018, Kt., 272 Seiten
16,00 €
978-3-8135-0794-2
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Liv Strömquist: Der Ursprung der Liebe

Eine Art Sachcomic

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Nach "Der Ursprung der Welt" der neue Sachcomic von Liv Strömquist!
Die Religion ist tot. Die Liebe ist zum einzigen absoluten Glücksversprechen in unserer aufgeklärten, von Singularitäten geprägten Zeit geworden. Und allgegenwärtig wird sie auf eine Art und Weise überhöht, dass es kaum zum Aushalten ist.
Dagegen schreibt und zeichnet Liv Strömquist in ihrer neuen Graphic Novel „Der Ursprung der Liebe“ ein wunderbar witziges aber auch tiefsinniges Plädoyer für mehr Lockerheit in der Liebe.

 Heute wird Liebe oft naturwissenschaftlich erklärt, verliebt zu sein heißt da schlicht, einer ganzen Reihe von Hormonen ungeschützt ausgeliefert zu sein.
Anders bei Liv Strömquist: anhand der Kulturgeschichte, soziologischer Theorien, der Psychoanalyse aber auch Goethes Werther und der ein oder anderen Gottheit zeigt sie auf, dass vieles, was wir in der Liebe tun, eben nichts mit Natur zu tun hat. Sie entlarvt unser Konzept von „Liebe“ als Teil von neoliberalen Markt-Prinzipien einerseits und andererseits als private Mini-Religion – häufig geprägt von Machtinteressen, Manipulation und Egoismus.
Dabei bearbeitet Sie das Thema gleichermaßen ernsthaft wie leicht und es macht Spaß, ihren Gedanken zu folgen, wenn sie alles, was bei der Liebe gemeinhin als normal empfunden wird, so lange dreht und wendet bis es sich zuweilen schon absurd anfühlt.

Liv Strömquist: Der Ursprung der Liebe
Avant Verlag 2018, mit vielen SW-Illustr., 136 Seiten
20,00 €
978-3-945034-89-7
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Édouard Louis: Im Herzen der Gewalt

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"Als er mich vergewaltigte, schrie ich nicht, aus Angst, er könnte auf mich schießen. Ich rührte und regte mich nicht. Mit trockenem Klatschen rammte mich sein Becken. Ich konzentrierte mich auf das Pfirsicharoma."

Eine Nacht hat sein Leben zerstört. Es sollte eigentlich eine schöne Erfahrung werden, als der Ich-Erzähler Édouard in der Nacht des Heiligabends in der Nähe des Pariser Place de la République auf Reda trifft. Reda schmeichelt ihm, will den Ich-Erzähler kennenlernen und noch was mit ihm trinken gehen.
Irgendwann nimmt Reda die Hand von Édouard und der gibt nach. Édouard nimmt Reda mit zu sich hoch, sie schlafen miteinander, sie schaffen eine gemeinsame Intimität. Und dann, von jetzt auf gleich, ändert sich alles. Die Situation zwischen Reda und Édouard eskaliert, als Edouard vom Duschen zurückkommt und sein Mobiltelefon nicht mehr findet. Dann entdeckt er es zufälligerweise in Redas Manteltasche. Er konfrontiert Reda, und der rastet aus, weil er kein Dieb sei. Reda beginnt zu brüllen, und es ist der Lärm, der Edouard zuerst am meisten schmerzt. Édouard wird gefesselt, die Kehle mit einem Schal zugeschnürt, mit einer Pistole bedroht und brutal von Reda vergewaltigt.
Danach flieht Edouard aus Paris nach Hause zu seiner Schwester Clara. Aber die ist keine Hilfe, im Gegenteil, sie missbraucht sein Vertrauen.
Die einzigen, die wirklich zu ihm stehen, sind seine Freunde Geoffroy (de Lagasnerie) und Didier (Eribon). Die überzeugen ihn auch davon, doch Anzeige zu erstatten.
Und da wird Édouard mit dem Rassismus der Beamten konfrontiert: "Auf der Kopie der Anzeige, die ich zu Hause aufbewahre, heißt es im Polizeijargon über Reda: Maghrebinischer Typus. Jedes Mal, wenn ich mir das Blatt anschaue, ärgere ich mich über den Begriff. ...für sie implizierte maghrebinischer Typus keine geographische Information, sondern bedeutete schlicht Schurke, Übeltäter, Krimineller."
Edouard hat Angst, Reda könnte irgendwo auftauchen. Und mit dieser Paranoia schleichen sich auch bei ihm rassistische Grundgedanken ein, konstatiert er: "Im Bus, in der Metro senkte ich den Blick, wenn ein Schwarzer oder Araber oder möglicher Kabyle mir näherkam." Und dann dieser Satz: "Ich war zum Rassisten geworden. Der Rassismus, also, was ich immer als das meinem Wesen radikal Entgegengesetzte empfunden hatte, das absolut andere meiner selbst, erfüllte mich unvermittelt, ich war die anderen geworden."
Édouard floh eigentlich vor dem Rassismus aus dem ländlichen Norden Frankreichs nach Paris, um sich beweisen zu können: Ich bin anders als meine Familie. Aber die Wahrheit ist: Auch, wenn du fliehst, dich in besserer Umgebung aufhältst, studierst und dich als links verstehst, du kannst die rassistischen Strukturen nicht so einfach hinter dir lassen.
Rassismus, sexuelle Gewalt, der Gang der Institutionen und Machtlosigkeit sind die zentralen Themen von "Im Herzen der Gewalt". Am Ende geht es in dem Roman auch um Freundschaft, vor allem die zu Didier Eribon und Geoffroy de Lagasnerie, die alles mit dem Ich-Erzähler zusammen durchgestanden haben.

Édouard Louis: Im Herzen der Gewalt
S.Fischer 2017, HC, 224 Seiten
20,00 €
978-3-10-397242-9
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Volker Weidermann: Träumer

Als die Dichter die Macht übernahmen

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November 1918 bis April 1919. Nach dem Ende des 1. Weltkriegs und der Absetzung des bayrischen Königs, beginnt ein Moment, in dem alles möglich erscheint: radikaler Pazifismus, direkte Demokratie, soziale Gerechtigkeit, die Herrschaft der Phantasie, kurz, die Münchner Räterepublik. Eine Revolution, durch die die Dichter an die Macht gelangten. An der Spitze der Rätebewegung stehen die Schriftsteller Ernst Toller, Gustav Landauer und Erich Mühsam, auf die nach den Tagen der Euphorie und der schnellen Ernüchterung schließlich lange Haftstrafen oder sogar der Tod warten. Und dann sind da noch die anderen Beteiligten und Beobachter wie Thomas Mann, Klaus Mann, Rainer Maria Rilke, Viktor Klemperer oder Oskar Maria Graf.
Von den Geschehnissen zwischen November 1918 und April 1919 erzählt Volker Weidermann in seinem neuen Buch im Stil einer Reportage, bei der die Leser*in zur Zeugen*in der turbulenten, tragischen und auch komischen Wochen wird, die München, Bayern und Deutschland erschütterten.
In rasantem Tempo und aus der Perspektive der beteiligten und beobachtenden Dichter entsteht so ein spannender und außergewöhnlicher historischer Bericht über ein singuläres Ereignis der deutschen Geschichte.

Volker Weidermann: Träumer
Kiepenheuer & Witsch 2017, HC, 287 Seiten
22,00 €
978-3-462-04714-1
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Colson Whitehead: Underground Railroad

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Ihr ganzes siebzehnjähriges Leben hat Cora auf der Plantage verbracht. Als Sklavin. Jeden Tag der Willkür von Schlägen, Auspeitschungen und Vergewaltigungen ausgesetzt. Doch eines Nachts hält sie es nicht mehr aus und wagt die Flucht. Erst durch Sumpf und Wälder und dann, wie durch ein Wunder, mit einer unterirdischen Eisenbahn.

Klar ist dieses unterirdische Schienennetz natürlich eine Erfindung. Dennoch aber hat es sie wirklich gegeben, die "Underground Railroad". Es ist der Name eines geheimen Netzwerks, das Sklaven aus den Südstaaten in den freien Norden und bis nach Kanada schleuste und sich dabei der Codewörter aus der Welt der Eisenbahn bediente. Sichere Unterkünfte waren Stationen, Menschen, die entflohene Sklaven unterstützten, wurden Schaffner genannt.

So schickt Whitehead seine Heldin Cora auf eine Reise durch das ganze Land. Es ist ein zerrissenes Land kurz vor dem Bürgerkrieg, in dem die Frage, wie man mit Sklaven umgehen soll, ganz unterschiedlich behandelt wird. So kommt Cora durch South Carolina, wo Schwarze auf den ersten Blick als freie Bürger leben können, von den Weißen jedoch für grausame medizinische Experimente missbraucht werden. Nach Indiana, wo sie auf einer Farm zeitweise Ruhe findet. Nach North Carolina, wo die Bewohner beschlossen haben, aus Angst vor der zahlenmäßigen Übermacht der ehemaligen Sklaven alle Schwarzen zu töten.

Viele Protagonisten sterben grausam, was der Autor ungeschönt schildert und manchmal schwer zu ertragen ist. Doch die Geschichte der Sklaverei in den USA ist eine düstere, grausame Geschichte. Umso wichtiger ist es, dass sie erzählt wird. Denn auch wenn die Sklaverei in den USA abgeschafft wurde: Der Rassismus - das zeigen die traurigen Ereignisse in Ferguson oder Charlottesville - ist in weitenTeilen des Landes immer noch gegenwärtig.

Colson Whitehead: Underground Railroad
Hanser 2017, Geb., 352 Seiten
24,00 €
978-3-446-25655-2
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Ruth Wodak: Politik mit der Angst

Zur Wirkung rechtspopulistischer Diskurse

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Und immer wieder tappen wir in dieselbe Falle:
Provozieren, attackieren, leugnen: Die Linguistin Ruth Wodak seziert das „Perpetuum mobile“ des Rechtspopulismus.
Es beginnt mit einer rechten Provokation, meistens rassistisch oder Antisemitisch oder mindestens herabwürdigend. Und dann beginnt üblicherweise "das rechtspopulistische Perpetuum mobile": Der Provokateur leugnet jegliche diskriminierende Absicht. Dabei sendet er aber doppelte Botschaften, die verschiedene Gruppen ansprechen. Er geht in die Opferrolle, pocht auf die Meinungsfreiheit, attackiert Gegner und bezichtigt sie der Verschwörung: Ja, darf man denn keine Missstände mehr ansprechen in diesem Land? Vielleicht entschuldigt er sich, aber nur halb (für Missverständnisse der anderen). Und so schafft der Urheber es, dass Medien und politische Konkurrenten wochenlang nur hinterherkeuchen und auf die einseitig gesetzte Agenda reagieren.

Ruth Wodak, Distinguished Professor for Discourse Studies an der Lancaster University (Großbritannien), analysiert in ihrem Buch rechtspopulistische Diskurse und wie diese schleichend im Zentrum der Gesellschaft angekommen sind; im Mittelpunkt steht für sie immer das Schüren von Angst.

Eine Reihe von Themen und Positionen haben die Rechtspopulisten West- und Osteuropas, aber auch der USA gemeinsam: Sie alle setzen die Nation gleich mit einem homogenen Volkskörper, der von innen (zum Beispiel von Minderheiten) und außen (von „Eindringlingen“) attackiert wird und daher von, meistens, einem starken Mann beschützt werden muss.
In der Folge lassen sich Grundrechte leichter aushebeln und ausgrenzende Maßnahmen eher durchsetzen, geht es doch um angeblich notwendige Sicherheitsvorkehrungen. Wesentlich ist die Unterscheidung in „wir“ und „sie“....

Aber wie sollen Politik und Medien es anstellen, um nicht in die Falle der Rechtspopulisten zu gehen? Was sollen sie der Angst entgegenhalten? Medien, so Wodak, sollten sich beispielsweise „weniger an skandalösen Vorfällen und der Performance rechtspopulistischer Politiker orientieren und mehr daran, sie zu demaskieren“.

Ruth Wodak: Politik mit der Angst
Edition Konturen, HC, 280 Seiten.
29,80 €
978-3-902968-10-4
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Max Annas: Illegal

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Der junge Ghanaer Kodjo schlägt sich in Berlin als „Illegaler“, also ohne Aufenthaltsgenehmigung, mit Gelegenheitsjobs durchs Leben. Illegal leben heißt, sich so unsichtbar machen wie möglich, heißt, jeden Kontakt mit der Polizei und anderen Ordnungsmächten vermeiden. Das geht solange einigermaßen gut, bis ein Kumpel von Kodjo die Nerven verliert und ohne Not vor einer Polizeistreife davonrennt.
Auch Kodjo flieht, und die Katastrophe beginnt. Er muss untertauchen, versteckt sich in einem Abbruchhaus und wird  Zeuge eines Mordes an einer Prostituierten im „Fenster zum Hof“ des gegenüberliegenden Hauses. Als Kodjo eingreifen will, kommt er dem Mörder in die Quere. Und der hat beste Kontakte zu einer Security-Firma, deren Methoden mehr als zweifelhaft sind. Zur Polizei kann Kodjo nicht und seine Verfolger kommen immer näher. Er muss um seine Leben rennen.
In Hochgeschwindigkeit jagt Max Annas uns mit Kodjo durch ein präzise beschriebenes  Berlin. Für denjenigen, der nicht wirklich Teil dieser Gesellschaft ist, wird die Stadt zu einem bedrohlichen Labyrinth. Die Hautfarbe von Kodjo stellt ihn unter Generalverdacht, das "Racial profiling" bestimmt jeden Augenblick seiner Realität, es markiert unerbittlich die Grenze zwischen "drinnen" und "draußen". Ausgrenzung ist unhintergehbar, auch in Berlin.


Max Annas: Illegal
Rowohlt 20178, TB, 240 Seiten
10,00 €
978-3-499-29138-8
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Julian Barnes: Lärm der Zeit

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28. Januar 1936: In der Prawda erscheint ein vernichtender Verriss der Oper "Lady Macbeth von Mzensk" von Dimitri Schostakowitsch.
War an allem nicht auch die Sitzordnung schuld? Die Regierungsloge lag direkt über den Blechbläsern, die aus Nervosität besonders laut spielten. Stalin war nicht amüsiert und verließ die Aufführung vor dem Ende.
"Vernichtend" hatte damals einen wörtlichen Sinn. Bis zu seinem Tod strich sich Schostakowitsch den 28. Januar im Kalender an. "Dieses raffinierte Spiel aber kann böse enden", hatte der Prawda- Artikel geschlossen. Seit dieser Ankündigung hing das Leben des Beschuldigten am Fädchen.
Julian Barnes erzählt in seinem neuen Roman detailreich das Leben Schostakowitschs, der seit diesem 28. Januar zu feige war, gegen die Macht zu opponieren. Doch was ist Feigheit? Wer kann sich erlauben, darüber zu urteilen? Die Idealisten und westlichen Besserwisser, die sich die Künstler als hehre Kämpfer gegen die Macht wünschen (weil sie sicher sein können, dass es nicht ihr Blut ist, das das Pflaster beflecken wird)?  Barnes stellt die Frage nach der Feigheit und widerlegt sie in seinem Buch wider und wieder.
Obwohl man weiß, dass der Held überleben wird, zittert man dennoch mit, wenn sich der Fahrstuhl in Bewegung setzt und im fünften Stock hält, wo Schostakowitsch mit seiner Familie wohnt und jede Nacht im Anzug und mit gepacktem Koffer darauf wartet, dass man ihn holt.
Es sind ie Jahrzehnte des Dauerzitterns. Man konnte nicht die Wahrheit sagen und überleben. Es gab keine Möglichkeit, der moralischen Korruption zu entkommen.
Sich selbst konnte man opfern, Frau und Kind nicht.
Im März 1949 ruft ihn Stalin persönlich an und schickt ihn als Repräsentanten der Sowjetmusik zum Friedenskongress nach New York. Dort folgt Schostakowitsch der Parteilinie und distanziert sich von dem zeitgenössischen Komponisten, den er am meisten verehrt, Igor Strawinsky.
Es ist der Moment seines Lebens, den er sich nie verzeihen wird.
Stalin stirbt, die Zeit danach ist weniger gefährlich. Für Schostakowitsch wird es moralisch dadurch noch schlimmer.
Er wird hofiert, mit Preisen überhäuft, er bekommt Datscha und Chauffeur, tritt auf sanften Druck in die Partei ein - die zweitgrößte Sünde seines Lebens. Sogar seine Lady Macbeth wird wieder aufgeführt.
"Früher hatten sie ausgelotet, wie weit sein Mut reichte. Jetzt loteten sie aus, wie weit seine Feigheit reichte."
Das war die neue Lage unter Chruschtschow: Früher war Schostakowitschs Leben bedroht, jetzt sind es seine Privilegien. Aber loten sie wirklich Unterschiedliches aus und nicht zweimal dasselbe?

Ein Buch, dass nicht nur Schostakowitsch-Interessierte lesen sollten, steht es doch auch exemplarisch für die Unmöglichkeit, Kunst und Kultur in totalitären Regimen (ohne sich zu korrumpieren) zu schaffen.

Julian Barnes: Lärm der Zeit
Kiepenheuer & Witsch 2017, HC, 256 Seiten
20,00 €
978-3-462-04888-9
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Wolfgang Gehrcke, Christiane Reymann: Das Kapital

Ein Buch der Bücher nicht nur für Linke

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In Zeiten wie diesen wird ein Klassiker aktueller denn je.
Im November 2017 jährt sich die Herausgabe von Band 1 des Hauptwerks von Karl Marx »Das Kapital« zum 150. Male. Der Papyrossa Verlag hat aus diesem Anlass dieses nette Buch editiert: Für alle, die schon immer wissen wollten, wie der Kapitalismus funktioniert, bietet diese illustrierte Kritik der politischen Ökonomie – mit Cartoons und kurzen Textauszügen - eine anschauliche Einführung und einen Anreiz zum Lesen des Originals.
Urte Sperling und Georg Fülberth aus Marburg gehen zwei Geheimnissen des Mehrwerts und dem blinden Fleck in der Marxschen Arbeitswerttheorie nach.
Harald Werner setzt sich mit der digitalen Mutation des Kapitalismus auseinander und Christiane Reymann mit der Notwendigkeit, die Befreiungstheorie fortzuschreiben, indem die Ausbeutung und Kolonisierung von Frauen einbezogen wird.
Wolfgang Gehrcke wiederum steuert eine Auseinandersetzung »Wider die Marx-Töter«  (mit deren wechselnden Methoden und gleich bleibenden Absichten) bei.
Mit einem Vorwort von Sahra Wagenknecht.

Wolfgang Gehrcke, Christiane Reymann: Das Kapital
Papyrossa 2017, Kt., 75 Seiten, mit Illustrationen
10,00 €
978-3-89438-647-4
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Joakim Zander: Der Bruder

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Nach seinem ersten extrem spannenden Buch "Der Schwimmer" nun der neue Thriller von Joakim Zander.
Wo du herkommst, gibt es keine Zukunft. Wo Du hingehst, gibt es kein Zurück.
Yasmine Ajam ist ihrer Vergangenheit und der rauen Stockholmer Trabantenstadt Bergort entflohen, sie arbeitet unter prekären Bedingungen in New York. Eine alarmierende Nachricht lässt sie nach Jahren zurückkehren: Ihr jüngerer Bruder Fadi wird vermisst, angeblich ist er tot. Und in den Straßen der Vorstadt droht die Gewalt zu eskalieren – Autos brennen, Schlägertrupps sind unterwegs. Hat Fadis Verschwinden damit zu tun? Yasmine gibt die Hoffnung nicht auf, ihren Bruder lebend zu finden.
Klara Walldéen forscht in London für eine Menschenrechtsorganisation. Im Vorfeld einer internationalen Sicherheitskonferenz wird ihr Computer gestohlen, kurz darauf kommt ein Kollege zu Tode. Dass ihre Arbeit brisant ist, weiß Klara. Aber wer könnte bereit sein, dafür töten?
Zurück in Stockholm begegnen sich Yamine und Klara: Beide auf der Suche nach der Wahrheit und beide in großer Gefahr.

Joakim Zanders Thriller erinnern an Stieg Larssons Trilogie, sind dabei aber komplexer, schneller und realistischer.

Joakim Zander: Der Bruder
Rowohlt Verlag 2017, TB , 464 Seiten
9,99 €
978-3-499-26890-8
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Didier Eribon: Rückkehr nach Reims

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Didier Eribon, geboren 1953 in Reims, Foucault-Biograph, lehrt Soziologie an der Universität von Amiens und gilt als einer der wichtigsten Intellektuellen Frankreichs. In seinem aktuellen Buch "Rückkehr nach Reims" setzt er sich mit seiner eigenen Herkunft aus der Arbeiterschicht und mit seiner Homosexualität auseinander. Dabei liefert er eine profunde Analyse des sozialen und intellektuellen Lebens in Frankreich seit den fünfziger Jahren.
Als sein Vater stirbt, reist Didier Eribon zum ersten Mal nach Jahrzehnten in seine Heimatstadt. Gemeinsam mit seiner Mutter sieht er sich Fotos an – das ist die Ausgangskonstellation dieses Buchs, das autobiografisches Schreiben mit soziologischer Reflexion verknüpft. Eribon realisiert, wie sehr er unter der Homophobie seines Herkunftsmilieus litt und dass es der Habitus einer armen Arbeiterfamilie war, der es ihm schwer machte, in der Pariser Gesellschaft Fuß zu fassen. Darüber hinaus liefert er eine Analyse des sozialen und intellektuellen Lebens seit den fünfziger Jahren und fragt, warum ein Teil der Arbeiterschaft zum Front National übergelaufen ist.

Didier Eribon: Rückkehr nach Reims
Suhrkamp Verlag 2016, Br., 237 Seiten
18,00 €
978-3-518-07252-3
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Christian Baron: Proleten, Pöbel, Parasiten

Warum die Linken die Arbeiter verachten

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Warum gibt es in linken Gruppen so wenig Mitglieder ohne akademischen Hintergrund? Wieso gewinnt ausgerechnet die AfD die Stimmen der Arbeiter? Und wieso glauben Menschen, die Welt mittels veganer Ernährung verbessern zu können?
Die Unterschicht ist ungebildet und schuld an ihrer prekären ökonomischen Situation – so lautet ein verbreitetes Vorurteil. Christian Baron, selbst Arbeiterkind, erlebte, dass diese Meinung auch in der linken Bewegung existiert. Entlang seiner eigenen Biografie untersucht er die gesellschaftlichen Konsequenzen einer scheinbar fortschrittlichen Politik, die sich von ihrer ursprünglichen Klientel – der Arbeiterschaft – weit entfernt hat. Das Buch ist keine Abrechnung mit den Linken, sondern plädiert für ein Überdenken politischer Zielsetzungen und fordert vor allem eins: die Interessen und Nöte der Arbeiterinnen und Arbeiter dringlicher in aktuelle Debatten und Kämpfe einzuschreiben.
Baron zeigt, wie rigoros separiert die sozialen Welten sind, in denen sich die akademische Linke auf der einen, Arbeiter und Unterschicht auf der anderen Seite bewegen. Und er spielt die soziale Frage nicht gegen Political Correctness und Minoritätenpolitik aus, wie es zur Zeit häufig passiert.

Christian Baron: Proleten, Pöbel, Parasiten
Verlag Das neue Berlin 2016, Br. , 288 Seiten
12,99 €
978-3-360-01311-8
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Slavoj Zizek: Absoluter Gegenstoß

Versuch einer Neubegründung des dialektischen Materialismus

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Der slowenische Philosoph und Kulturkritiker Slavoj Žižek schließt mit seinem neuen Buch ›Absoluter Gegenstoß. Versuch einer Neubegründung des dialektischen Materialismus‹ an seine Hegel-Neudeutung ›Weniger als Nichts‹ aus dem Jahr 2014 an. Ausgehend von Hegel versucht er eine Neubestimmung des philosophischen Materialismus.
Neu an Žižeks Version des dialektischen Materialismus ist vor allem die Integration der Psychoanalyse, geprägt von den Begriffen des französischen Psychoanalytikers Jacques Lacan. Der zweite entscheidende Einfluss ist, wie gesagt, der deutsche Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel, aus dessen Werk auch der Ausdruck "absoluter Gegenstoß" stammt. Gemeint ist damit ein paradoxer Prozess, in dem ein Wesen sich von sich selbst abstößt, sich verliert und dadurch erst Identität gewinnt. Das Wesen richtet sich dabei nur gegen sich selbst; es kommt nichts von außen dazu, der dialektische Prozess der Abstoßung und Identitätsbildung verläuft intern.
Bei aller scheinbarer Trockenheit der Materie, ist Zizek immer auch ein guter Unterhalter. Allein sein absurder Witz bei seiner Deutung des Kinder-Überraschungseis mit Lacan und Platon etwa ist einfach komisch.

Slavoj Zizek: Absoluter Gegenstoß
S. Fischer Verlag 2016, HC , 653 Seiten
28,00 €
978-3-10-002396-4
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